Aerosolforschung: Von der Wissenschaft der Schwebstoffe | kurier.at – KURIER

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In umbauten Flächen gibt es immer eine Aufkonzentration. Die kann man reduzieren, indem man lüftet oder Luft filtert. Letzteres scheint etwa bei Tönnies in Deutschland nur unzureichend passiert zu sein. Viel wesentlicherer war hier aber die lange Aufenthaltsdauer der Mitarbeiter, in der sie die Aerosole eingeatmet haben.

Was bestimmt noch, wie schnell ein Raum potenziell durchseucht wird?

Relevant ist auch die Quellstärke, also wie viel eine Person hineinatmet. Sie unterscheidet sich, je nachdem, ob jemand körperlich angestrengt arbeitet, sportelt, singt, schreit oder ruhig sitzt und durch die Nase atmet. Je mehr Aktivität, desto größer die Produktion.

In Kürze öffnen die Schulen. Das Ansteckungsrisiko soll unter anderem durch Lüften minimiert werden. Wie macht man das richtig?

Das Problem ist, dass der Laie nicht weiß, wovon es abhängt, wie viel Luft durch ein Fenster in den Innenraum gelangt. Wenn der Temperaturunterschied gering ist, geht gar nichts durch. Auch der Wind hat Einfluss. Und wir verbinden fälschlicherweise Luftqualität mit der Raumtemperatur. Wenn es im Winter beim Lüften schnell kalt wird, gehen wir davon aus, dass die Luft ausgetauscht und sauber ist. Das stimmt so nicht. Die kleinen Partikel bekommt man bei fünf Minuten voller Fensteröffnung zu rund 80 Prozent aus dem Raum. Schließt man die Fenster, startet man bei einer Restkonzentration von 20 Prozent. Der Raum füllt sich schneller wieder mit Aerosolen, man müsste dann rascher und länger lüften. An Luftqualitätsuntersuchungen sieht man – um zum Beispiel Schule zu kommen –, dass die Luftqualität mit zunehmenden Schulstunden stetig immer schlechter wird.

Sie raten zu Luftgüteampeln,-Ampeln genannt, warum?

Der CO₂-Gehalt in der Luft ist ein guter Indikator für die Lüftungsqualität. Da wir keinen zuverlässigen körperlichen Sensor für Luftqualität haben, ist das die einzige Orientierungsmöglichkeit. Wenn drinnen ein CO₂-Wert von 1.000 ppm überschritten wird, sollte gelüftet werden. Unter diesem Wert zu bleiben, ist alles andere als leicht, man würde sich wundern, wie oft man Frischluft reinlassen muss. Das deutsche Umweltbundesamt empfiehlt etwa alle 20 Minuten zu lüften.

Die WHO war bislang mit ihren Aussagen zur Virusübertragung mittels Aerosolen zurückhaltend. Warum ist es so schwierig nachzuweisen, ob Aerosole ansteckend sind?

Wir arbeiten unter anderem eng mit dem Robert Koch-Institut und der Berliner Charité zusammen. Da erfahren wir, dass es unheimlich schwierig ist, Aerosole aufzusammeln und zu konservieren, um entsprechende Tests durchzuführen. Man weiß schon lange, dass Virusbestandteile in Aerosolen transportiert werden können. Lebensfähig wurden sie nun erstmals von Forschern in Florida nachgewiesen.

Auch beim Spülen auf der Toilette können Aerosole aufgewirbelt werden. Nützt es etwas, den Deckel runterzuklappen?

Der Deckel schließt nicht dicht ab, ich würde aber doch sagen, dass es sinnvoll ist. In Asien, wo man in Sachen Seuchenbekämpfung teilweise ein Stück weiter ist, ist das Schließen des Klodeckels absolute Pflicht. Natürlich gehört auch die entsprechende Handhygiene dazu.

Sind Aerosole so spannend, weil sie die unsichtbare Virusgefahr verkörpern?

Es ist natürlich kein schöner Gedanke, dass wir permanent von ihnen umgeben sind. Wenn man Hygieneregeln einhält und das Lüften bedenkt, kann man das Risiko aber kleinhalten. Ausbrüche bei guter Luftqualität gibt es kaum, nur bei sehr langer Aufenthaltsdauer.