Attentat auf Alexey Nawalny: Fünf Antworten zu Nowitschok-Kampfstoffen – Spektrum.de

Attentat auf Alexey Nawalny: Fünf Antworten zu Nowitschok-Kampfstoffen – Spektrum.de


Wie kann man neuartige Kampfstoffe entdecken und nachweisen?

Es gibt eine Reihe von Verfahren, chemische Kampfstoffe nachzuweisen, zum Beispiel IR-spektroskopisch oder durch enzymatische Farbreaktionen. Die Nowitschok-Verbindungen jedoch werden von solchen Detektoren meist nicht erfasst – das ist der Sinn der Sache. Deswegen dürfte die Identifizierung des genauen Wirkstoffs sehr mühselig gewesen sein. Schnell dürfte klar gewesen sein, dass es sich um einen Nervenkampfstoff handelt, die Symptome sind charakteristisch, und ob die Acetylcholinesterase des Opfers gehemmt ist, lässt sich leicht messen.

Komplizierter ist es, die genaue Struktur eines neuen Nervengifts zu identifizieren. Glücklicherweise ist der Stoff recht einfach zu finden: Wie alle Kampfstoffe dieses Typs binden die Nowitschok-Stoffe an das aktive Zentrum der Acetylcholinesterase. Nach dem Skripal-Attentat isolierten die britischen Fachleute das Enzym aus der Körperflüssigkeit der Opfer und versuchten herauszufinden, welche Struktur das Zentrum blockierte.

Dies gelang binnen weniger Tage, was dafür sprach, dass westliche Geheimdienste bereits die Strukturen der wichtigsten Stoffe dieser Substanzklasse kennen. Tatsächlich besaß die NATO schon in den 1990er Jahren Proben der Substanzen, hielt deren Existenz aber geheim. Inzwischen gelten die Strukturen der wichtigsten Nowitschok-Kampfstoffe als bekannt.

Hat man diese Information, muss man die molekularen Details nicht aufwändig entschlüsseln, sondern gleicht die Merkmale der Probe mit Referenzsubstanzen ab. Womöglich nutzten Fachleute spätestens seit 2018 die 31P-Kernresonanzspektroskopie, um die Identität der phosphorhaltigen Gifte festzustellen.

Wie lang bleibt der eingesetzte Kampfstoff gefährlich?

Von vielen anderen Eigenschaften des Stoffs erfährt man auf diese Weise allerdings nichts – etwa, wie lange sich der Kampfstoff an seinem Einsatzort hält. Vermutlich ist das selbst den Geheimdiensten nur zum Teil bekannt, denn die Bandbreite an Eigenschaften, die beeinflussen, wie lange die Gefahr anhält, ist groß. Sarin zum Beispiel ist leicht flüchtig. Es verdampft schnell, wirkt schnell und verschwindet auch schnell. Zusätzlich ist es gut wasserlöslich und zersetzt sich durch Feuchtigkeit zu ungiftigen Substanzen. VX dagegen ist eine ölige Flüssigkeit, die sich bei kühlem Klima einige Tage oder Wochen in der Umwelt hält. Entsprechend unterschiedlich können sich die eingesetzten Nowitschok-Stoffe in der Umwelt verhalten. Angeblich sind viele der Substanzen ebenfalls ölige Flüssigkeiten, einige sollen aber auch fest sein. Genau wissen das nur die Hersteller – die haben vermutlich entsprechende Versuchsreihen gemacht.

Wie behandelt man Nowitschok-Stoffe medizinisch?

Es gibt nur wenige Wirkstoffe, die bei Vergiftungen mit gängigen Nervengasen helfen; sie kommen vermutlich auch bei Nawalny zum Einsatz. Das bekannteste Gegenmittel bei einer akuten Vergiftung sind der Pflanzenstoff Atropin und seine Salze. Atropin wirkt gegen die Übermenge an Acetylcholin an den Synapsen, indem es seinerseits die Rezeptoren für diesen Stoff blockiert. Eine ähnliche Wirkung entfalten auch die Benzodiazepine wie der Angstlöser Diazepam.