Big Five: Sind es nur fünf große Persönlichkeitsfaktoren? – Spektrum.de

Big Five: Sind es nur fünf große Persönlichkeitsfaktoren? – Spektrum.de

Der Faktor Ehrlichkeit-Bescheidenheit verschafft dem Sechs-Faktoren-Modell, auch genannt »Hexaco«, einen Vorsprung. Es schlägt die Big Five in der Vorhersagekraft, wie Untersuchungen zeigen. Persönlichkeitsprofile, die auf den sechs Faktoren basieren, erlauben etwa bessere Prognosen für Phobien, Psychopathie, Risikobereitschaft, Berufserfolg, Machtstreben und Materialismus. Auch ist damit besser abzusehen, ob jemand zu Straftaten neigt. Der Versuch, diesen neuen Faktor mit Hilfe der Facetten der Big Five nachzubauen, scheiterte. Das Hexaco-Modell blieb der bessere Prädiktor für Delinquenz, darunter Vandalismus, Diebstahl und Verkehrsdelikte.

Fünf Faktoren reichen nicht aus, um den Charakter eines Menschen hinreichend zu beschreiben, sagen deshalb einige Wissenschaftler. Denn auch in anderen Domänen haben die »Big Six« einen Vorsprung: Ein Team um Amber Gayle Thalmayer von der University of Oregon schickten verschiedene Fragebögen ins Rennen, die entweder die Big Five oder die sechs Faktoren des Hexaco-Modells bei gut 200 Studierenden maßen. Mit den erstellten Profilen versuchten sie, Aussagen über Eigenheiten und zukünftiges Verhalten der Studierenden zu treffen, darunter der Notendurchschnitt am Ende des kommenden Semesters, Fehlverhalten, Pünktlichkeit sowie Geselligkeit, die über eine Analyse des Facebook-Profils und der Smartphone-Nutzung erhoben wurde. Die Big Six konnten über alle Prüfgrößen hinweg mit den Big Five mithalten. Beim akademischen Erfolg und dem Hang zum Regelbruch erlaubte das Hexaco-Modell die treffenderen Prognosen.

»Mit moderneren Methoden finden sich immer wieder sechs Faktoren«(Isabel Thielmann, Universität Koblenz-Landau)

Hatten Allport, Odbert und ihre Kollegen also einen Faktor übersehen? Ja, glaubt Isabel Thielmann. Die Psychologin erforscht an der Universität Koblenz-Landau die Persönlichkeit und wie sie sich am besten messen lässt. Einen Grund, warum Forscher ursprünglich nur fünf Faktoren fanden, sieht sie in der unausgereiften Technik der damaligen Zeit: »Die Computer, mit denen die Analysen durchgeführt wurden, hatten noch eine geringe Rechenleistung. Deshalb gruppierten die Wissenschaftler die Adjektive teils im Voraus von Hand.« So seien Vorannahmen der Forscher in die Vorselektion eingeflossen, die das Endergebnis beeinflussten. »Mit moderneren Methoden finden sich immer wieder sechs Faktoren.«

Bei der Suche nach Persönlichkeitsmodellen gilt es, eine gute Balance zwischen Sparsamkeit und Präzision zu finden. Ein effizientes Modell sollte eine große Bandbreite an Wesenszügen abdecken, ohne selbst in eine ellenlange Liste auszuarten. »Das gelingt dem Hexaco-Modell sehr gut«, urteilt Thielmann. »Leider halten aber viele immer noch am Altbewährten fest. Dabei ist die Evidenz für die Big Six erdrückend. Gerade in ethisch-moralischen Fragen, wenn es etwa um Straftaten geht, können sie Menschen genauer charakterisieren.« Die sechs Faktoren seien zudem noch unabhängiger als die Big Five, sagt Thielmann.

Die »Big Two«

Einem anderen Alternativmodell der Persönlichkeit zufolge lassen sich Menschen anhand von nur zwei grundlegenden Eigenschaften charakterisieren: Zielstrebigkeit (agency) und Gemeinsinn (communion). Menschen mit einem starken Gemeinsinn gehören zu den einfühlsamen Tröstern, die Zielstrebigen zu den geradlinigen Machern. Laut einigen Sozialpsychologen nutzen wir diese beiden Merkmale als Maßstab, um Fremde etwa auf einer Party blitzschnell zu kategorisieren. Die Theorie geht auf den US-amerikanische Psychologen David Bakan zurück, der diese 1966 in seinem Buch »The Duality of Human Existence« beschrieb. Demnach achten wir bei der Beurteilung anderer vor allem auf Hinweise für Sanftmütigkeit: Ob jemand Freund oder Feind ist, ist schließlich im Zweifelsfall überlebenswichtig. Verschiedene Wahrnehmungsstudien konnten dies bestätigen.

»Die verschiedenen Modelle stehen nicht in Konkurrenz, sie sind vielmehr integrativ«(Daniel Danner, Professor für psychologische Diagnostik und Qualifizierung an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim)

Heißt das nun, in Wahrheit gibt es nur zwei Persönlichkeitsfaktoren? Nein, meint Daniel Danner, Professor für psychologische Diagnostik und Qualifizierung an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim. »Die verschiedenen Modelle der Persönlichkeit stehen nicht in Konkurrenz miteinander, sie sind vielmehr integrativ. Die Big Two liefern Hinweise darauf, warum sich in den Big Five oftmals typische Muster ergeben.« Tatsächlich gibt es klare Bezüge der Big Two zu spezifischeren Faktoren. Zielstrebigkeit ist eng mit emotionaler Stabilität, Extraversion und Gewissenhaftigkeit verknüpft: Die Betreffenden wirft so schnell nichts aus der Bahn. Sie wirken kompetent und sind stets Herr der Lage. Warmherzigkeit geht dagegen vor allem mit Verträglichkeit einher.

Die Big Two stellen also im Alltag, besonders im Umgang mit anderen, hilfreiche Kriterien dar. Für die Erstellung differenzierter Persönlichkeitsprofile sind sie jedoch eher ungeeignet. »Es handelt sich um eine zu sparsame Betrachtung, wenn es darum geht, Persönlichkeit als Ganzes zu verstehen«, erklärt Isabel Thielmann. »Die Big Two bilden interpersonelle Verhaltensweisen ab, die mit dem Streben nach Leistung und dem Streben nach Bindung zusammenhängen. Als solches decken sie manche Eigenschaften ab, die in den Big Five und den Big Six enthalten sind.« Andere Persönlichkeitsmerkmale fehlen jedoch ganz, beispielsweise die Offenheit für Erfahrungen. »Diese Dimension ist aber durchaus bedeutsam, wenn man bedenkt, dass sie stark mit dem Wertesystem und den politischen und moralischen Einstellungen eines Menschen zusammenhängt.«

Der »Generalfaktor«, der Kern unseres Wesens

Forscher, die auf eine sparsame Betrachtung des Charakters setzen, haben sogar versucht, einen einzigen essenziellen Persönlichkeitsfaktor zu identifizieren: den Kern unseres Wesens sozusagen. Dieser Generalfaktor der Persönlichkeit wird häufig als soziale Erwünschtheit bezeichnet. Sie hängt mit emotionaler Intelligenz, also dem Wissen über das Innenleben anderer zusammen. Ist dieser Faktor stark ausgeprägt, verhält sich der Betreffende stets höflich, umsichtig und ausgeglichen. Am anderen Ende des Spektrums befinden sich launische, rücksichtslose und streitsüchtige Zeitgenossen. Wie sinnvoll dieser Generalfaktor ist und ob es sich überhaupt um ein bedeutsames Charaktermerkmal handelt, darüber sind sich Forscher allerdings noch uneinig.

»Es gibt nicht eine, zwei drei, vier, fünf oder sechs Persönlichkeitseigenschaften, die irgendwo in uns drinstecken. Vielmehr geht es darum, wie sich der Charakter eines Menschen am besten beschreiben lässt. Je nachdem, welchen Zweck ich damit verfolge, kann ein unterschiedlicher Auflösungsgrad sinnvoll sein«, hält der Psychologe fest. Doch beliebig ist die Auswahl der Wesenszüge nicht. Im Gegensatz zu unseriösen Persönlichkeitstests verraten uns wissenschaftliche Modelle der Persönlichkeit wirklich etwas darüber, was uns unterscheidet – und was uns eint.