Blog: Wissenschaft ǀ Venusianer an Erdlinge: Uns gibt’s doch! – Freitag – Das Meinungsmedium

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Ich erwartete Großes. Schon am Sonntagabend, es war der 13. September, war über mal mehr, mal weniger seriöse Quellen durchgesickert, was am folgenden Tag präsentiert werden sollte. Endlich etwas, was, wie ich glaubte, auch die Menschen faszinieren würde, die sonst eher wenig mit Astronomie am Hut haben. Endlich etwas, was uns von Corona weg und zum Sternenhimmel aufschauen lässt. Astronomen, so munkelte man, sei es gelungen, Spuren außerirdischen Lebens auf der Venus nachzuweisen. Natürlich allenfalls mikrobielles Leben – aber immerhin. Also vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Ich erwartete Großes. Und ich bekam ein Vielleicht. Ein sehr leises Vielleicht. Eigentlich war alles, was man von der Entdeckung mitbekam, ein leises Vielleicht. Hatte ich mich also doch zu früh gefreut? War dieses Vielleicht am Ende doch nicht mehr als das übliche Wahrscheinlich nicht, das sonst immer kam, wenn irgendwer irgendwo einen Hinweis gefunden hatte, der darauf hindeuten könnte, dass es extraterrestrisches Leben gibt oder gab? Man sieht schon: Vielleicht.

Seltenes Molekül lässt Forscher hoffen

Doch fangen wir mal von vorne an: Was genau haben die beteiligten Forscher*innen denn nun entdeckt?

Es geht um das Gas Phosphin – ein vermeintlich einfaches Molekül, bestehend aus einem Phosphoratom und drei Wasserstoffatomen. Doch so simpel es auch klingt – Phosphin entsteht nur unter ganz bestimmten Bedingungen. Um es auf der Erde herstellen zu können, braucht man spezielle Labore; doch auch in der Natur kommen geringe Mengen Phosphin vor – und zwar praktisch ausschließlich in biologischen Prozessen. Das ist eine Hausnummer, denn es gibt diesem Phosphin eine wichtige Eigenschaft: nämlich die einer Biosignatur. Biosignaturen sind Moleküle, deren Anwesenheit ein wichtiges Indiz darstellt, dass es an diesem Ort biologische Prozesse geben könnte. Misst man solche Biosignaturen in den Atmosphären anderer Planeten, so ist das ein Hinweis darauf, dass dort möglicherweise Leben existiert. Und genau das ist nun bei der Venus geschehen.

Die Venusatmosphäre ist noch weitgehend unerforscht

Natürlich ist der Nachweis einer Biosignatur noch lange kein Beweis für Leben. Erst recht, wenn man bedenkt, dass die Atmosphäre der Venus noch weitgehend unerforscht ist. Sie besteht überwiegend aus Kohlendioxid und enthält eine dicke Schicht aus Schwefelsäure, die den gesamten Planeten umgibt und den Blick auf die Oberfläche versperrt. Dort unten herrscht dann ein Druck, der 90 Mal größer ist als auf der Erdoberfläche. Das Thermometer zeigt weit über 400 Grad Celsius. Die Erforschung der Venus und ihrer Atmosphäre ist also alles andere als einfach, und was noch schlimmer ist: Wie um Himmels Willen soll da Leben entstanden sein, Phosphin hin oder her?

Es ist nicht alles schlecht

Auf der Oberfläche herrscht die Hölle auf Erden, beziehungsweise Venus. Hier kann sich keine Lebensform halten, jeglicher Widerstand ist zwecklos. Doch oben in der Venusatmosphäre, in etwa 50 Kilometern Höhe, da gibt es eine Zone, die fast schon paradiesisch wirkt: Dort herrscht ein Druck wie bei uns auf der Erdoberfläche und die Temperaturen dürften im angenehmen Bereich liegen. Daher gibt es schon seit längerer Zeit Spekulationen darüber, ob es in dieser Wolkenschicht Leben geben könnte. Vielleicht.

Dann entdeckte man Phosphin. Die Biosignatur.

Alle bekannten Prozesse wurden ausgeschlossen

Allerdings ist die Venusatmosphäre in vielerlei Hinsicht extremer als die Erdatmosphäre: Sie ist dicker, dichter, hat ein weitaus höheres Temperaturgefälle, höhere Windgeschwindigkeiten, erhält mehr Energie von der Sonne und sie wird von heftigen Gewittern und Vulkanausbrüchen heimgesucht. All das hat natürlich Auswirkungen auf die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre – und die entscheidende Frage lautet: Kann bei solchen Prozessen auch Phosphin entstehen, ganz ohne Biologie?

Ja, durchaus. Die Menge des dabei produzierten Phosphins wäre aber erheblich geringer als der Wert, den man praktisch gemessen hat. Man käme sogar nur auf ein Zehntausendstel. Und das ist genau die entscheidende Aussage: Ein Gas, das auf der Erde natürlicherweise nur biologisch vorkommt, wird auf der Venus gemessen und alle nicht-biologischen Prozesse, die dafür in Frage kommen, können ausgeschlossen werden.

Natürlich könnte es auch einen anderen Grund geben. Wir könnten hier einfach auf einen chemischen Prozess gestoßen sein, den wir bislang noch überhaupt nicht kannten. Es müsste ein Prozess sein, der ganz ohne eifrige Mikroben ausreichende Mengen an Phosphin produziert und konstant auf hohem Niveau Nachschub liefert. Und er müsste um viele Größenordnungen stärker sein als alles, was wir bislang kannten, zusammen.

Aufklärung kann nur eine Sonde liefern

Ob man es mit diesem Hintergrund als viel wahrscheinlicher erachtet, dass keine Lebewesen hinter der Entdeckung stehen, darf jeder und jede für sich selbst entscheiden. Fakt ist jedoch, dass wir nun eine Spur haben, die heißer ist als alle Spuren zuvor – auch heißer als alles, was wir aktuell beispielsweise über den Mars, den anderen Kollegen der Erde, wissen.

Schlussendlich kann nur eine Sonde, die zur Venus fliegt, klären, ob an der Mikrobengeschichte etwas dran ist. Und, liebe Sonde, wenn du schon mal da bist: Fliege nicht nur durch die Atmosphäre, sondern versuche doch bitte, auch die Oberfläche etwas aufzuwühlen! Im wahrsten Sinne des Wortes – denn lange vor unserer Zeit, als die Venusatmosphäre noch dünner und noch nicht Opfer des unkontrollierten Treibhauseffektes war, könnte möglicherweise auch die Oberfläche bewohnbar gewesen sein. Die Venusatmosphäre muss nicht der einzige Ort sein, an dem etwas zu finden ist.

Wenn überhaupt etwas zu finden ist. Vielleicht.

Ich erwarte Großes.