Buchkritik zu »Roboterbewusstsein, automatisiertes Entscheiden (…) – Spektrum der Wissenschaft

Buchkritik zu »Roboterbewusstsein, automatisiertes Entscheiden (…) – Spektrum der Wissenschaft

»Die KI-Forschung selbst kümmert sich nicht um die philosophische Grundlagenarbeit, sondern sucht ihr Heil in der Erprobung evolutionärer Algorithmen und neuronaler Netze«, konstatiert der jüngst emeritierte Professor für Technikphilosophie Wolfgang Irrgang in diesem Buch. In dem Werk versucht er eine »evolutionär-phänomenologische Leib-Anthropologie« zu entwickeln, wie es etwas sperrig im Untertitel heißt. Das klingt zunächst wie ein fachphilosophischer Theorieentwurf, entpuppt sich bei der Lektüre aber schnell als ein Set durchaus anwendungsbezogener Fragen: Wie verhalten sich die Natur und die Technik der künstlichen Intelligenz (KI) zueinander? Welche Rolle spielt das philosophische und kognitionspsychologische Konzept des Bewusstseins, wenn man es ohne biologischen Körper betrachtet? Stellen Roboter eine Ersatzkörperlichkeit zur Verfügung, in die sich Intelligenz und Bewusstsein »einbetten« lassen? Wie sieht die Zukunft einer Gesellschaft aus, in der künstliche Intelligenz das Leben mitbestimmt?

Riesige Themenfülle

Irrgang hat sich über seine gesamte Karriere hinweg mit technikphilosophischen Fragen beschäftigt. Das wird bereits am Literaturverzeichnis des Buchs deutlich, in dem des Autors eigene Beiträge nicht weniger als vier von insgesamt zwölf Seiten belegen. Da verwundert es kaum, dass Irrgang in seinem Werk eine riesige Themenfülle abhandelt – und noch dazu zwei Folgebände plant.

Vielleicht auch deshalb bleibt der Text stark thesenhaft und wirkt wie eine Sammlung von Denkansätzen, die nicht selten zwischen verschiedenen Themen hin und her springen. Dabei steht jedoch durchweg eine »Haupthandlung« im Vordergrund: Über drei Jahrtausende hinweg haben Philosophen mit ihren diversen Spezialisierungen (philosophische Anthropologie, Ethik, Technikphilosophie, Erkenntnistheorie etc.) ein Bild entworfen, das den Menschen als animal rationale, also als »denkendes Tier« auffasst, welches sich seiner selbst bewusst ist und sein Denken theoretisieren und als Subjekt reflektieren kann. Mit dem Aufkommen von Maschinen und schließlich Computern mit KI steht dieses Welt- und Selbstverständnis nun auf der Probe: Kann es etwas Nichtmenschliches geben, dem derselbe Status zuerkannt werden muss wie dem Menschen?

Die Technologie der KI, die von Beginn an zentral an menschlichen Kategorien ausgerichtet war, scheint sich im Lauf ihrer Entwicklung auf die »conditio humana« zuzubewegen. Wissenschaftler entwickelten beispielsweise Perzeptronen, technisch realisierte neuronale Strukturen; oder eine Kognitionswissenschaft, die mit Hilfe von KI das menschliche Erkennungsvermögen verstehen will; oder auch eine KI-Forschung, die Sprache technisch analysier- und synthetisierbar machen soll – etwas, das bis dahin als rein menschliches Vermögen angesehen wurde. Zugleich bewegt sich der Mensch auf die Technik zu, etwa indem KI einen »technokratischen Traum von der Berechenbarkeit menschlicher Kompetenzen« suggeriert, wie Irrgang schreibt. Wird diese Annäherung von Technik und Mensch zu einer Symbiose führen, wie sie im Begriff des Transhumanismus definiert ist? Irrgang verneint dies vielfach und anhand zahlreicher Beispiele als dogmatische Weltanschauung, denn die Menschwerdung habe als Evolution stattgefunden, während der sich Körper und Geist gemeinsam und aneinander entwickelten. Die Unterschiede zwischen Technik und Natur, meint er, blieben kategorial – sogar dann, wenn Technik selbst körperlich wird, etwa in Form der Robotik. Vermenschlichende Metaphern (»Denkmaschine«, »neuronal«, »learning«) könnten diese Differenz allenfalls sprachlich verschleiern.