Chemiewaffenexperte zum Fall Nawalny: “Waren sie wirklich so dumm?” – DER SPIEGEL

Chemiewaffenexperte zum Fall Nawalny: “Waren sie wirklich so dumm?” – DER SPIEGEL

SPIEGEL: Der russische Regierungskritiker Alexej Nawalny ist offenbar mit einem Kontaktgift aus der Gruppe der Organophosphate vergiftet worden. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass Experten die genaue Substanz jetzt noch finden können?

Blum: Organophosphate, dazu gehören Chemiewaffen wie VX, Sarin oder die Substanzen der sogenannten Nowitschok-Familie, aber auch Pflanzenschutzmittel, blockieren ein wichtiges Enzym des Nervensystems.  Diese Cholinesterase ist dann dauerhaft gehemmt, bis der Körper die Substanz langsam neu bildet. Das heißt: In Proben von Nawalnys Blutplasma sollte sich die Signatur des verwendeten Stoffes noch immer finden lassen.

SPIEGEL: Die Konzentration der Moleküle in diesen Bioproben dürfte sehr niedrig sein.

Blum: Ja, man muss ein paar verräterische Molekülreste aus einer Milliarde anderer heraussuchen. Aber das sollte sich mit einem leistungsfähigen Massenspektrometer in einem guten Labor schon machen lassen. Bei Vergiftungsfällen in Syrien wie auch im Fall Skripal wurde dies erfolgreich gezeigt. Es gibt aber eine andere Schwierigkeit.

SPIEGEL: Und die wäre?

Blum: Man sollte im Idealfall wissen, nach welchem Gift man fahndet. Ich kann natürlich nach “üblichen Verdächtigen” wie VX oder Sarin suchen. Da sind die Molekülsignaturen gut bekannt und eindeutig.  Aber es gibt eine Vielzahl möglicher, wenn auch exotischer Verbindungen. Da wird die Sache dann etwas kompliziert.

SPIEGEL: Kann es also sein, dass am Ende nicht klar ist, mit welchem Stoff Nawalny vergiftet wurde?

Blum: Die Möglichkeit besteht, ich halte sie aber für gering.

SPIEGEL: Kann man nicht auch auf seinem Körper nach der Substanz suchen?

Blum: Ja, wenn ein Kontaktgift verwendet wurde, wird man an der betroffenen Stelle einen Rest oder Abbauprodukte auf der Haut beziehungsweise in den obersten Hautschichten finden. Selbst wenn man Nawalny im Krankenhaus von Omsk gereinigt hat, besteht die Chance, dass sich mit Wischproben auch jetzt noch Reste der Substanz nachweisen lassen. 

“Die Leute dort sind Profis”

SPIEGEL: An welchen Körperstellen müsste man suchen?

Blum: Wir wissen natürlich nicht genau, wann Nawalny mit dem Gift in Kontakt gekommen ist. Aber anzunehmen ist, dass er bekleidet war. Das heißt, man würde zunächst an den Handflächen Proben nehmen, an den Unterarmen, im Gesichtsbereich, vielleicht im Nacken.

SPIEGEL: Würde ein Kontaktgift auch bedeuten, dass das behandelnde medizinische Personal an der Charité gefährdet ist?

Blum: Die Leute dort sind Profis, die wissen, was sie tun. Außerdem reichen handelsübliche Nitril-Krankenhaushandschuhe aus, um sich vor einer möglichen Kontamination bei den anzunehmenden Restmengen zu schützen. Eine mögliche Gefahr sehe ich eher für die Passagiere des Fluges, mit dem Nawalny unterwegs war, und seine unmittelbaren Begleiter, mit denen er intensiven Kontakt hatte.

“Bei solchen Anschlägen hängt so viel vom Zufall ab”

SPIEGEL: Wie kompliziert ist es eigentlich, solch giftige Organophosphate herzustellen?

Blum: Ich kann im Internet die Herstellungsanleitung für Sarin finden. Die Chemikalien in kleinen Mengen zu beschaffen, zum Beispiel über eine Uni, könnte auch noch machbar sein. Schwierig wird es aber bei der Produktion. Kurz gesagt stellt sich die Frage, wie ich so eine Substanz synthetisiere, ohne mich selbst zu vergiften. Dafür muss man sich sehr gut auskennen und viel Erfahrung haben. Das gilt insbesondere, wenn es um die Herstellung von Kontaktgiften geht.

SPIEGEL: Steckt also der russische Staat hinter dem Anschlag?

Blum: Das kann ich nicht sagen. Wenn es so wäre, würde ich mich aber fragen, warum die Russen schon wieder mit solchen international geächteten Giftstoffen in Verbindung gebracht werden wollen. Waren sie wirklich so dumm? Zumal es, so zynisch das klingt, effektivere Möglichkeiten gäbe, jemanden zu töten.

SPIEGEL: Womöglich ging es darum, ein Zeichen zu setzen. Vielleicht sollte Nawalny gar nicht ums Leben kommen.

Blum: Das ist möglich. Andererseits hängt bei solchen Anschlägen so viel vom Zufall ab. Wären die Skripals zum Beispiel damals nicht innerhalb von wenigen Minuten von einem Rettungswagen betreut worden, hätten sie wohl nicht überlebt. Und was Nawalny angeht: Wenn der Pilot seines Flugzeugs nicht im Omsk gelandet wäre, könnte er jetzt genauso gut tot sein.

SPIEGEL: Nawalny soll bereits im Krankenhaus von Omsk mit Atropin behandelt worden sein.

Blum: Das ist für mich ein Hinweis darauf, dass man zu diesem Zeitpunkt bereits eine Vergiftung vermutete. Wenn jemand, wie es dann später über Nawalny hieß, Probleme mit niedrigem Blutzucker hat, dann gebe ich ihm kein Atropin.

“Dann bleibt nur die intensivmedizinische Begleittherapie”

SPIEGEL: Vergiftungen mit Organophosphaten können auch mit sogenannten Oximen behandelt werden. Bei Nawalnys Eintreffen in Berlin war es dafür schon sehr spät. Hätte er davon profitiert?

Blum: Bei manchen Kampfstoffen wirken Oxime gut, bei anderen nicht. Ich gehe davon aus, dass er aktuell Oxime als Therapie erhält. Falls sie nicht wirken, muss man allerdings auf die langsame Neubildung der Cholinesterase warten. Dann bleibt nur die intensivmedizinische Begleittherapie. 

SPIEGEL: Lässt sich sagen, ob Nawalny seine Vergiftung ohne Langzeitschäden übersteht?

Blum: Das wird davon abhängen, mit welcher Substanz er in Kontakt gekommen ist. Manche Organophosphate verursachen auch Krampfanfälle im Gehirn. Das wäre ein großes Problem. Hier gibt man in der Therapie zum Beispiel Diazepam, bekannt als Valium.

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