Corona-Pandemie: Wirtschaft fürchtet Milliardenschaden bei Karnevalsabsage – Handelsblatt

Corona-Pandemie: Wirtschaft fürchtet Milliardenschaden bei Karnevalsabsage – Handelsblatt

Karneval in Köln

Fehlen die Jecken, fehlen bei Unternehmen die Umsätze.



(Foto:& dpa)

Düsseldorf Die Coronakrise macht auch vor der fünften Jahreszeit nicht halt. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte in dieser Woche erklärt, er könne sich Karneval mitten in einer Pandemie schlicht nicht vorstellen. Ein Schock nicht nur für Jecken, sondern auch für Unternehmen, die am Karneval kräftig mitverdienen.

Deutschlandweit ist der Karneval ein Milliardengeschäft. Besonders profitieren Hotel- und Gastronomiebetriebe, aber auch die Transport-, Event- und Textilindustrie. Für die teilweise schon jetzt durch die Coronakrise arg gebeutelten Branchen würde eine pauschale Absage weitere massive Umsatzeinbrüche bedeuten, viele Saisonarbeitskräfte dürften ohne Beschäftigung bleiben.

Eine der Firmen, die stark vom Karneval abhängt, ist das Traditionsunternehmen Deiters. Vor den Toren Kölns in Frechen befindet sich die Zentrale des Kostümherstellers. Laut eigener Aussage steht hier das größte Karnevalskaufhaus der Welt. Mit 5000 Quadratmetern auf zwei Etagen verteilt ist es das größte von deutschlandweit 31 Geschäften.

Pro Jahr kaufen zwei Millionen Kunden bei Deiters. Der Umsatz betrug im Geschäftsjahr 2017/2018 30 Millionen Euro, dieser dürfte sich durch die Expansion des Unternehmens in den vergangenen zwei Jahren nochmals gesteigert haben. Die Coronakrise stoppt jetzt aber das Wachstum. Vier Monate hatten alle Filialen geschlossen, je nach Standort lagen die Umsatzeinbußen zwischen 50 und 80 Prozent.

„Ein wirtschaftlich ganz schlimmes Jahr“, erklärt Deiters-Geschäftsführer Björn Lindert. Eine Absage von Karnevalsveranstaltungen würde die Lage verschärfen, das Geschäft macht zwei Drittel des Jahresumsatzes aus. Zu den 350 festen Mitarbeitern werden normalerweise vor Karneval und Halloween zusätzlich 350 Arbeitskräfte eingestellt – mehr als fraglich dieses Jahr. Lindert zeigt sich dennoch optimistisch: „Man kann den Karneval nicht absagen, nur Veranstaltungen. Aber in Kindergärten, Schulen und privat wird ja trotzdem gefeiert.“

Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group hat mit der Rheinischen Fachhochschule Köln 2018 die Wirtschaftskraft des Karnevals in der Domstadt untersucht. Allein hier generiert der Karneval rund 600 Millionen Euro Umsatz. Einen großen Anteil daran haben Hotels und Gastronomie.

50 Millionen Glas Kölsch

Mit Blick auf eine Pauschalabsage von Karnevalsveranstaltungen warnt Thorsten Hellwig, Sprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) NRW, vor einem Milliardenschaden allein in Nordrhein-Westfalen mit den Hochburgen Köln und Düsseldorf. Für Gastronomen und Hoteliers sei 2020 ohnehin bereits ein Seuchenjahr. Eine Absage des Karnevals würde die wirtschaftliche Schieflage für die Branche nochmals verschärfen, so der Verband.

50 Millionen Glas Kölsch, das sind circa 100.000 Hektoliter Bier, werden am 11.11. und zwischen Weiberfastnacht und Rosenmontag allein in Köln getrunken. Für die Brauereien ein sehr lohnendes Geschäft. „Eine Absage des Karnevals wäre sehr spürbar und schmerzhaft“, sagt Christian Kerner, Geschäftsführer des Kölner Brauerei-Verbandes.

Das würde einen Umsatzrückgang von fünf bis zehn Prozent bedeuten, zusätzlich zum aktuellen Umsatzrückgang, so Kerner. Bei der Kölner Brauerei Früh rechne man mit einem „deutlichen siebenstelligen Gesamtschaden bei einer Absage von Brauchtumsveranstaltungen im Innen- und Außenbereich“.

Das Familienunternehmen Zinnhannes aus Krummenau, einem kleinen Ort in Rheinland-Pfalz, produziert pro Jahr rund 170.000 Karnevalsorden. In Deutschland gehört unter anderem das Festkomitee Kölner Karneval zum Kundenkreis. Unter den Abnehmern befinden sich aber auch Vereine aus Österreich, den Beneluxstaaten und den USA.

Das in zweiter Generation geführte Unternehmen spürt schon jetzt deutliche Umsatzrückgänge, da viele Karnevalsvereine dieses Jahr keine Orden in Auftrag gegeben haben. „Wir verzeichnen einen Umsatzrückgang von 50 Prozent, der noch auf 75 Prozent ansteigen kann“, sagt Geschäftsführer Wolf Schneider.

Im Herbst rüstet Zinnhannes normalerweise mit befristeten Mitarbeitern und Heimarbeitern auf, dieses Jahr gibt die Auftragslage das nicht her. Einige Festangestellte befinden sich in Kurzarbeit.

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