Corona und die wirtschaftlichen Folgen – Die Schuld der Anderen – Cicero Online

Corona und die wirtschaftlichen Folgen – Die Schuld der Anderen – Cicero Online

Deutschland steht mit dem Rücken zur Wand. Wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich. Während wir auf die größte Pleitewelle seit Jahrzehnten zusteuern, demonstrieren in Berlin und anderswo Tausende von ganz links bis ganz rechts gegen die Corona-Regeln der Bundesregierung

„Querdenken 711“ nennt sich eine Gruppe der Demonstranten, ein Mix aus Esoterikern und schwäbischen Akademikern. Angeführt von jemandem, der sich selbst als Querdenker, Familienmensch und Hundebesitzer bezeichnet. Und als Unternehmer.

Veranstaltungsbranche vor dem Ende

„Für die Freiheit und die Grundrechte“ wollen sie eintreten. Auch für meine Interessen als Unternehmer sprechen sie angeblich, denn wenn das Virus Teil einer großen Weltverschwörung ist, hat Bill Gates wohl auch das Ende eines meiner Unternehmen von langer Hand geplant.

Nach 22 erfolgreichen Jahren und Millionen-Investitionen musste ich vor kurzem meine Event-Location „VillaMedia“ in Wuppertal schließen. Weil ich nicht daran glaube, dass wir in der Veranstaltungsbranche auf absehbare Zeit ein halbwegs rentables Geschäft machen können.

Gift für die Gesellschaft

50 Arbeitsplätze hängen daran. Das schmerzt. Die Eventbranche wird ausgeblutet, ohne ein tragfähiges politisches Konzept. Ich könnte den bequemen Weg gehen und in Berlin gegen „die da oben“ protestieren und dann auch noch Absicht unterstellen. Doch würde mir das außer dem guten Gefühl, einen Sündenbock zu haben, etwas bringen?

Schuld sind immer die anderen. Diese Haltung ist Gift für unsere Gesellschaft und die Zukunftsfähigkeit Deutschlands.

Bekennt euch!

Die Politik übertreibt mit den Maßnahmen. Die Medien dramatisieren die Gefahr. 
Die Virologen wechseln ständig ihre Meinung.
 Die Lobbyisten sind zu gierig. Die Kapitalisten handeln rücksichtslos. Oder sind nicht doch die jungen Partymacher und die Verschwörungstheoretiker an allem schuld, die draußen bei engstem Körperkontakt feiern oder demonstrieren und geradezu lustvoll eine Infektion provozieren? 

Sie alle sind schuld. Ja, das stimmt sogar. Sie alle tragen ihren Teil zu dem bei, was gerade geschieht. Das wäre gar nicht schlimm, wenn alle auch bereit wären, ihren persönlichen Teil an Schuld zu tragen. Wenn alle in der Lage wären, sich zu bekennen: zur eigenen Angst und zum eigenen Versagen.

Die Ängste sind vielfältig

Der Angst des Virologen, nicht stark genug gewarnt zu haben und damit die Schuld an einer schnelleren Verbreitung des Virus tragen zu müssen. Die Angst des Regierungspolitikers vor Bildern von überfüllten Krankenstationen im nächsten Wahlkampf. Die Angst des Redakteurs vor der zweitbesten Schlagzeile. Die Angst der Manager vor zu wenig staatlicher Unterstützung im Vergleich zur Konkurrenz.

Die Angst der alleinerziehenden Mutter vor jedem weiteren Tag, an dem sie völlig überfordert ist und es nicht mehr ertragen kann, ihren Kindern nicht gerecht zu werden. Die Angst des Jugendlichen, etwas zu verpassen, was sich nie mehr nachholen lässt. Und die Angst des engagierten Verschwörungstheoretikers, die Chance seines Lebens zu verpassen. Diese Krise bietet schließlich alle Zutaten, um das herbeigesehnte biblische Armageddon mit weltlichen und aktuellen Fehlleistungen und Krisen zu verrühren.

Gefährliche Mischung aus Frust und Unverständnis

Am Beginn der schwierigsten Wegstrecke, die unsere Gesellschaft seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor sich hat, scheint es, als ob einige den Verstand, manche den Anstand und wir als Gemeinschaft zumindest den Zusammenhalt verlieren würden. Wir erleben eine gefährliche Mischung aus Frust und Unverständnis über und Zweifeln an wissenschaftlichen Erkenntnissen und politischem Handeln.

Ein Virus hat eine besonders gefährliche Pandemie erzeugt. Ein Virus, das uns voraussichtlich nicht so schnell verlassen wird. Die jährliche Grippeepidemie lehrt uns, dass auch ein Impfstoff nicht verhindert, dass jedes Jahr viele tausend Menschen an einem solchen Virus sterben. Und niemand weiß, ob wir jemals einen wirksamen Impfstoff gegen Covid-19 finden werden, ob er wirklich wirksam ist und ob die Nebenwirkungen verträglich sein werden. Es kann in wenigen Monaten so weit sein, in einem Jahr, in drei Jahren oder nie.

Raus aus der Spirale

Das bedeutet, es werden weiterhin jeden Tag viele Menschen infiziert werden und es werden auch immer wieder welche an oder mit dieser Infektion sterben. So wie an unzähligen anderen Krankheiten auch. Das ist die Wahrheit und Teil unserer neuen Lebenswirklichkeit. Weltweit. Wollen wir da dauerhaft ritualisiert rufen: Ihr seid schuld?

Ich appelliere dringend an alle Aufgeregten, sich aus der Spirale gegenseitiger Vorwürfe zu befreien. Auch wenn Zoff verlockend ist. Ja, auch ich habe Spaß an klarer Kante in sozialen Netzwerken und schieße dabei gern mal übers Ziel hinaus. 

Ein eigentlich marginales Problem

Doch ist unsere Angst vor dem Virus und den Auswirkungen nicht ein marginales Problem im Vergleich zu all den anderen Herausforderungen unserer Zeit? Die Digitalisierung und der Klimawandel stellen uns vor viel größere Aufgaben. Unsere Wirtschaft befindet sich im größten und schnellsten Transformationsprozess aller Zeiten.

In wenigen Jahren müssen sämtliche Produktionsprozesse und Wertschöpfungsketten nachhaltig und klimafreundlich in Form einer Kreislaufwirtschaft und in gesellschaftlicher Verantwortung für das Gemeinwohl gestaltet werden. Unternehmen, die dieses nicht wollen oder können, werden schon bald vom Markt ausgeschieden, weil die Gesellschaft es nicht mehr dulden kann und wird.

Die Angst ist begründet

Dank künstlicher Intelligenz und zukünftiger Robotiksysteme, neuer Energie-, Mobilitäts- und Ernährungssysteme werden wir neuen Wohlstand und neue Chancen kreieren können, müssen allerdings auch unsere gesamten Steuer- und Sozialversicherungssysteme neu gestalten, wenn wir nicht wollen, dass große Teile unserer Bevölkerung restlos verarmen werden.


Für all diese Herausforderungen brauchen wir Mut, und zwar alle zusammen. Denn wir müssen uns die eigene Angst zugestehen. Die Angst vor dem eigenen Scheitern, sie ist nicht nur real, sondern auch begründet. 
Die Herausforderungen sind so groß, dass es gute Argumente für all die Verschwörungstheoretiker gibt, warum es womöglich nicht mehr gelingen kann, eine gute Zukunft für uns zu alle zu gestalten.

So verlieren wir Freiheit

Wer sich dem hingeben will, der möge das tun. Aber er oder sie sollte eines wissen: Die Flucht in eine abgeschlossene Blase, das Ignorieren von wissenschaftlichen Fakten und das bewusste Verstoßen gegen allgemeine gesellschaftliche Standards führt in ein neues gesellschaftliches Aus und wird keinen einzigen Beitrag für die Lösung auch nur eines der vielen Probleme unserer Zeit liefern. Wir werden so Freiheit verlieren und nicht gewinnen.

Corona hat uns eines gezeigt: Wir werden lernen müssen zu kämpfen. Für all das, was viele von uns in der Vergangenheit womöglich als selbstverständlich erachtet haben, weil es eben schon so lange zu einem Teil unserer Lebenswirklichkeit geworden ist: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, soziale Gerechtigkeit und Frieden.

Echte „Querdenker“ sind dialogbereit

Wenn wir diese großartigen Errungenschaften in unserem und möglichst allen anderen Ländern dieser Erde weiterhin oder endlich erleben wollen, dann müssen wir lernen, nicht ständig auf andere zu zeigen. Man kommt sich alt vor, wenn man so etwas aufschreibt: Doch Respekt und Rücksichtnahme sind tatsächlich der „neue heiße Scheiß“.

Wie wäre es mit dem Versuch, die Lebenswirklichkeit des jeweils anderen zu verstehen, ohne sich gegenseitig zu beschimpfen oder gar zu bedrohen? Echte „Querdenker“ sind dialogbereit und selbstverantwortlich. Denn sie verstehen, dass die Freiheit des Einzelnen dort endet, wo die Freiheit – und die Gesundheit – der Mehrheit bedroht wird.