Coronavirus: Spätfolgen bei Covid-19-Patienten – Spektrum.de

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Ein schwerer Verlauf trifft die Lunge gleich doppelt

Verläuft die Krankheit schwer, müssen Ärzte ihre Patienten auf einer Intensivstation behandeln und oft künstlich beatmen. In diesen Fällen bestehen Medizinern zufolge am ehesten langfristige Gesundheitsschäden und Folgeerkrankungen. Die meisten schweren Verläufe treten bei älteren Menschen und bei Vorerkrankungen auf, aber es gibt eben auch heftige Covid-19-Verläufe bei jüngeren und fitteren Menschen.

Zu ihnen zählt zum Beispiel der Handballer Michael Stein. Er geht zweimal wöchentlich ins Fitnessstudio, Sport hat bei ihm nach wie vor einen hohen Stellenwert. Auch er hat sich im Skiurlaub infiziert, in Ischgl. Dort hat er mit zwei Freunden den Urlaub verbracht. Mit einem der beiden hat Michael Stein sogar in demselben Zimmer geschlafen – keiner der anderen hat sich angesteckt. Bei Michael Stein jedoch mussten die behandelnden Ärzte auf der Intensivstation wochenlang um sein Leben kämpfen.

Der schwere Verlauf hat Spuren hinterlassen. Covid-19 hat Steins Körper offenbar arg geschadet. Zuallererst seiner Lunge. Denn bei einem heftigen Verlauf von Covid-19 wird das Atmungsorgan gleich doppelt in Mitleidenschaft gezogen: durch das Virus selbst, das vor allem die Lungenzellen befällt, und durch die künstliche Beatmung. Letztere macht es meist erst möglich, dass Patienten eine fulminante Sars-CoV-2-Infektion überleben, schwächt aber zugleich den ganzen Körper. Michael Stein, zwei Meter groß, hat während der sechs Wochen auf der Intensivstation fast 30 Kilogramm an Gewicht verloren. Ein Teil davon geht auch auf einen Verlust an Muskulatur zurück. Besonders die Atemmuskeln der Lunge sind betroffen: Arbeiteten sie vorher selbst bei den Unsportlichsten viele Male pro Minute, um den Brustkorb beim Atmen zu heben und zu senken, übernimmt das nun die Beatmungsmaschine.

Und Muskeln, die nicht benutzt werden, bilden sich zurück. Ein eigentlich sinnvoller Mechanismus der Natur, so können Anstrengungen auf das konzentriert werden, was wirklich gebraucht wird. Doch für künstlich Beatmete wird dies zur Falle: Die Atemmuskulatur wird nach der für den Körper überraschenden, plötzlichen Pause ebenso überraschend wieder benötigt. Meist zieht sich diese Phase der Entwöhnung von der künstlichen Beatmung, in der Fachsprache auch »Weaning« genannt, über mehrere Tage hin. Dabei wechseln sich Phasen der künstlichen Beatmung und der selbstständigen Atmung ab. Und selbst wenn der Patient nach einigen Tagen keine künstliche Beatmung mehr braucht, ist er dennoch zunächst nur sehr eingeschränkt leistungsfähig. Diese Erfahrung hat auch Michael Stein gemacht: »Wenn ich zehn Treppenstufen gestiegen war, dann war ich fix und fertig und bekam kaum noch Luft. Der Pfleger musste mich mit einem Rollstuhl zurück ins Zimmer bringen.«

»Auch bei jüngeren Patienten dauert es manchmal viele Monate, bis Lunge und Atemmuskulatur wieder voll leistungsfähig sind«
(Michael Dreher, Direktor am Uniklinikum Aachen)

In den meisten Fällen gewinnt die Atemmuskulatur im Laufe der Zeit ihre alte Spannkraft zurück, aber eben nicht immer. Manche ältere Patienten, bei denen der Muskelaufbau ohnehin langsamer verläuft, erholen sich nicht vollständig von einer künstlichen Beatmung und bleiben ihr Leben lang eingeschränkt belastungsfähig. »Auch bei jüngeren Patienten dauert es manchmal viele Monate, bis Lunge und Atemmuskulatur wieder voll leistungsfähig sind«, sagt Michael Dreher, Direktor der Klinik für Pneumologie und Internistische Intensivmedizin am Uniklinikum Aachen.

Sars-CoV-2 kann die Gerinnung, das Hirn und die Nieren stören

Zusätzlich wird das Lungengewebe durch das Virus angegriffen. Die Entzündungsreaktion schädigt unzählige Lungenzellen; bei einer ausgeprägten und weitflächigen Entzündung werden Teile des gesunden Lungengewebes, das für den Sauerstoffaustausch verantwortlich ist, durch Bindegewebe ersetzt. Diese Art von Vernarbung wird auch Lungenfibrose genannt. Sie lässt sich nur begrenzt wieder rückgängig machen. Der Leistungsverlust der Lunge kann durch die Vermehrung von gesundem Gewebe oft nur ein Stück weit ausgeglichen werden. Eine von Forschern als wahrscheinlich angesehene Erklärung dafür, dass manche Patienten auch nach einem mittelschweren Verlauf von Covid-19 kurzatmig bleiben.