Covid-19 in Afrika: Vorsprung durch Ebola-Erfahrung? – Spektrum.de

Covid-19 in Afrika: Vorsprung durch Ebola-Erfahrung? – Spektrum.de

Die Coronavirus-Task-Forces in Liberia, Sierra Leone und Guinea haben beschlossen, dem Beispiel Chinas zu folgen: Sie isolieren jede Person, die positiv getestet wurde – unabhängig davon, ob sie Symptome hat oder nicht. Menschen, die sehr krank sind, werden ins Krankenhaus gebracht, während Menschen ohne oder mit nur leichten Symptomen in spezielle Einrichtungen geschickt werden, bis die Tests negativ ausfallen. Eine Isolierung zu Hause sei in ihrem Land praktisch nicht möglich, sagt Baimba Idriss, ein Arzt am 34 Military Hospital in Freetown, Sierra Leone. »Ein junger Mensch mag vielleicht gesund sein, aber er lebt bei seiner Großmutter, seinen Tanten, eng mit den Nachbarn zusammen. Wir müssen die Übertragungsketten unterbrechen und die Menschen überwachen, damit wir sie frühzeitig behandeln können, wenn sie Atembeschwerden haben«, sagt er.

»Auch an Covid-19 sterben Menschen, aber es ist nicht annähernd so schrecklich wie Ebola«(Baimba Idriss, Arzt)

Laut Idriss weigere sich aber eine wachsende Zahl von positiv Getesteten in die Isolationseinrichtungen zu gehen – zumal sich herumspricht, dass viele Menschen keinerlei medizinische Versorgung benötigen. Außerdem würden einige nicht auf den Rat der Gesundheitsämter hören. Sie trügen keine Gesichtsmaske, weil sie sich nicht genügend Sorgen über die Krankheit machten. »Auch an Covid-19 sterben Menschen, aber es ist nicht annähernd so schrecklich wie Ebola.«

Wie andere Ärzte und Forscher auch vermutet Idriss, dass die Krankheit in afrikanischen Ländern südlich der Sahara milder ausfällt als anderswo, weil die Bevölkerung dort jünger ist. Laut den Statistiken der World Bank sind mehr als 40 Prozent der Menschen in Liberia, Sierra Leone und Guinea jünger als 15 Jahre, nur drei Prozent sind älter als 65 Jahre. In Sierra Leone und Liberia sterben etwa vier Prozent der nachweislich Infizierten. Die Länder verzeichnen damit in etwa die dieselbe Sterberate wie die Vereinigten Staaten. John Nkengasong, der Direktor des Africa CDC, einem Pendant der US-Gesundheitsbehörde, mit Sitz im äthiopischen Addis Abeba vermutet, dass viele leichte und asymptomatische Fälle unentdeckt bleiben würden. In Guinea und vielen anderen Ländern in Subsahara-Afrika liegt die Sterblichkeitsrate unter zwei Prozent.

Doch mit dem Anstieg der Infektionen hat auch die Zahl der Menschen zugenommen, die eine medizinische Versorgung benötigen. Für Idriss gibt das Anlass zur Sorge, denn den Krankenhäusern in Sierra Leone gehen bereits jetzt Betten, Basismedikamente, Desinfektionsmittel und Treibstoff für Fahrzeuge aus, die schwerkranke Menschen in die Spitäler bringen. Seinem Team fehle es an Schutzkleidung, Handschuhen und Gesichtsmasken sagt Issa French, Krankenpfleger am Kenema Government Hospital in Sierra Leone. »Wir verwenden das, was wir von Ebola übrig haben«, sagt er.

Selbst grundlegende Bedürfnisse werden nicht erfüllt

Einige Beschäftigte im Gesundheitswesen sagen außerdem, sie seien seit zwei Monaten nicht mehr bezahlt wurden und kämen deshalb nicht mehr zur Arbeit. Dieses Problem erschwerte auch die Reaktion auf Ebola und führte damals zu Streiks unter den Beschäftigten. »Sie haben uns während des Ebola-Ausbruchs nie das bezahlt, was sie uns schuldig waren. Deshalb habe ich beschlossen, mein Leben nicht auch noch einmal für Covid zu riskieren«, sagt Christopher White, ein Krankenwagenfahrer im Krankenhaus von Kenema. Laut einem Bericht des Center for Global Development, einer Denkfabrik in Washington D.C, dürften solche Probleme noch zunehmen. Ladenschließungen und Handelsbeschränkungen auf Grund von Covid-19 schädigen die Wirtschaft, insbesondere in Ländern mit niedrigem Einkommen. Nach derzeitiger Lage werden ärmere Länder ihre Gesundheitsbudgets wegen der weltweiten Wirtschaftseinbrüche um geschätzte zwei Milliarden US-Dollar kürzen müssen.

»Sie haben uns während des Ebola-Ausbruchs nie das bezahlt, was sie uns schuldig waren. Deshalb habe ich beschlossen, mein Leben nicht auch noch einmal für Covid zu riskieren«(Christopher White, Krankenwagenfahrer)

Wenn medizinisches Personal und Material fehlt, könnten womöglich bald noch mehr Menschen sterben – an Covid-19, aber auch an anderen Ursachen wie Malaria oder bei der Geburt. Viele Menschen in Kenema würden lieber zu Hause bleiben, wenn es ihnen nicht gut geht, sagt White. Sie vertrauten nicht darauf, dass das Krankenhaus sie angemessen versorgen kann.