Fusionen und Übernahmen: So bremst die Politik die Investmentbanker im M&A-Geschäft aus – Handelsblatt

Reichstagsgebäude

Im Inneren der Reichstagskuppel.


(Foto:& ddp/imagebroker/Valentin Wolf)

Frankfurt Seit diesem Monat haben es Konzerne aus dem Ausland schwerer, eine deutsche Firma zu übernehmen. Denn die Kontrollen dafür wurden mit dem Außenwirtschaftsgesetz verschärft. Es soll unliebsame Interessenten gerade von solchen Unternehmen fernhalten, die wichtig für die heimische Infrastruktur sind. „Nicht alle diejenigen, die investieren wollen, haben gleichermaßen lautere Absichten“, begründete Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier den heimischen Schutzwall, der in offensichtlichem Gegensatz zur Globalisierung und freien Märkten steht. 

Ob die Regelung ein Segen oder ein Fluch ist, wird in der Unternehmenswelt kontrovers diskutiert. Nicht alle Konzerne wollen vom Staat „beschützt“ werden. Für eine Branche ist es auf jeden Fall ein Nackenschlag: die Investmentbanker.

Denn das lukrative Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M&A), die Königsdisziplin im Investmentbanking, liegt seit der Coronakrise ohnehin am Boden. Die leise Hoffnung, es könnte sich in den nächsten Monaten erholen, hat sich vorerst verflüchtigt.

Rainer Langel, Europachef der Bank Macquarie, erwartet gar, „dass wir erst im Jahr 2023 wieder annähernd auf das Vorkrisenvolumen bei M&A kommen“. Das Bewertungsniveau werde parallel zur Börse wieder ansteigen.

„Das Gesetz wurde im Eiltempo durchgewinkt. Protektionismus ist der Trend der Zeit“, sagt Kai Neuhaus, Partner der Wirtschaftskanzlei CMS Deutschland. Während Verstöße bisher nicht geahndet wurden, droht nun in einigen Bereichen sogar Gefängnisstrafe. „Das ist ein Paradigmenwechsel, der dazu führen wird, dass Unternehmen genauer hinschauen müssen“, meint der Rechtsanwalt. Oft sei nicht eindeutig, welche Zielfirmen von den neuen Regelungen betroffen seien.

Im ersten Halbjahr ist das Transaktionsvolumen weltweit um rund die Hälfte auf etwa eine Billion Dollar eingebrochen, wie aus Zahlen des Analysehauses Dealogic hervorgeht.

Der deutsche Markt verzeichnete von Januar bis Juni zwar ein Plus von sieben Prozent. Das lag aber nur an der Mega-Übernahme des Aufzugsgeschäfts von Thyssen-Krupp durch Finanzinvestoren im Wert von gut 17 Milliarden Euro sowie weiteren großen Deals in den ersten beiden Monaten.

Weckruf Curevac

Die Überlegungen, heimische Firmen im Ernstfall abzuschirmen, gab es in der deutschen Politik schon länger. Spätestens seit den Begehrlichkeiten der Amerikaner beim Tübinger Biotech-Unternehmen Curevac, das die Forschung an einem Impfstoff gegen das Virus Sars-CoV-2 vorantreibt, waren dann wohl auch die letzten Zweifler überzeugt

Dabei stand der Gesundheitssektor zunächst gar nicht so sehr im Fokus. Es waren vielmehr Firmen im Hochtechnologiebereich, die als verteidigungswert galten, weil sich hier vermehrt chinesische Interessenten angepirscht hatten.

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2016 etwa hatten chinesische Investoren den Augsburger Roboterhersteller Kuka übernommen, was im Nachhinein höchst umstritten war. Mit dem neuen Gesetz soll nun der gezielte Abfluss von Informationen oder Technologien aus deutschen Unternehmen unterbunden werden.

Als möglicher Übernahmekandidat wird immer wieder auch der Halbleiterkonzern Infineon genannt. In dieser Industrie gebe es sechs bis sieben Unternehmen, die größer seien als die Münchener. 80 Prozent der Konkurrenten lägen außerhalb Europas. Samsung etwa könne Übernahmen aus der Portokasse bezahlen in einer Zeit, wo künftig mit einer weiteren Konsolidierung der Branche zu rechnen sei, sagt ein Investmentbanker.

Im Fokus der strengeren Investitionsprüfungen stünden auf jeden Fall kritische Infrastrukturen wie Energie, Wasserversorgung, IT und Telekommunikation, aber auch wichtige Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz und Robotik, sagt Jan Bonhage, Partner bei der Kanzlei Hengeler Mueller.

Aber auch weitere Gesundheits- und Forschungsbereiche würden dazugehören. Übernahmen dürften hier in Zukunft regelmäßig unter die Lupe genommen werden. „M-&-A-Prozesse mit Nicht-EU-Erwerbern werden insgesamt tendenziell länger dauern“, ist sich Bonhage sicher.

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Es kann aber noch schlimmer kommen: Für viele Investitionen gelte künftig ein Vollzugsverbot, sagt Neuhaus von CMS. Dessen Reichweite habe der Gesetzgeber denkbar unklar formuliert. Im Rahmen der Buchprüfung würden sich die Beteiligten künftig oft die Frage stellen: Darf der Käufer diese Information eigentlich erhalten? „Das wird viele vor Herausforderungen stellen.“

Finanzinvestoren in Shoppinglaune

Noch zeigen sich etliche Investmentbanker betont optimistisch. Vielerorts gibt es die Hoffnung, dass jene strategischen Deals, die schon vor Corona ausgearbeitet wurden, jetzt wieder aus der Schublade geholt werden.

Ob diese Rechnung aufgeht, ist allerdings völlig offen. Zumal sich die genannten Branchen teilweise mit den Sektoren überschneiden, die die Politik auf dem deutschen Markt abschirmen will, wenn ihr der Bieter nicht passt. „In den Branchen Technologie, Energie und Telekom ist viel Aktivität zu spüren“, sagt Holger Knittel, der das deutsche M-&-A-Geschäft bei der US-Bank Citi führt: „Unter anderem in diesen Branchen ist mit ersten Transaktionen nach dem Abklingen der Coronakrise zu rechnen.“

Die Hoffnung der Banker auf Deals stützt sich insbesondere auf Finanzinvestoren, die großen Anlagedruck haben. Branchenexperten schätzten die Feuerkraft von Private Equity weltweit zuletzt auf 1,5 Billionen Dollar.

Dass die Finanzinvestoren nach dem Sommer zurückkommen, scheint für viele Banker nach Gesprächen über neue Ziele ausgemacht. Bisher haben die Beteiligungshäuser rund ein Viertel der Dealvolumina in Deutschland bestritten. Künftig soll es deutlich mehr werden. Selbst einen Anteil von 40 Prozent sehen Investmentbanker als nicht utopisch an.

Was grundsätzlich schwieriger geworden ist, das sind Transaktionen mit Beteiligung US-amerikanischer Unternehmen, wie Tibor Kossa erläutert, der bei Goldman Sachs als Co-Chef das M-&-A-Geschäft in Deutschland und Österreich leitet. Schon das Anbahnen von Deals sei im Moment schwierig, da Manager wegen der Corona-Reisebeschränkungen nicht zu persönlichen Treffen fliegen könnten.

Außerdem bremsen nach den Worten Kossas auch hier regulatorische Hürden das Geschehen, etwa die Kontrollbehörde für ausländische Investitionen Cifius. Hier wird die Überprüfung von Transaktionen etwa im Technologie-Bereich aus industriepolitischen Gründen streng gehandhabt. Manch einer sieht darin sogar das Vorbild für den nun eingeschlagenen deutschen Weg. 

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