Gesundheitssystem und Corona: Aufgerüstet und dazugelernt – tagesschau.de

Gesundheitssystem und Corona: Aufgerüstet und dazugelernt – tagesschau.de

Zu wenig Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel in Kliniken, kaum Tests – so war die Corona-Lage vor einem halben Jahr. Seitdem hat das deutsche Gesundheitssystem aufgerüstet. Doch es bleibt viel zu tun.

Von Birthe Sönnichsen, ARD-Hauptstadtstudio

“Ich habe immer gesagt, es ist eine dynamische Lage”, beschreibt Gesundheitsminister Jens Spahn die Situation gebetsmühlenartig. Und tatsächlich, die Corona-Dynamik hat viel Bewegung ins Gesundheitssystem gebracht. Das sieht auch Susanne Johna, Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund so. Die Kliniken seien durch Umbauten besser vorbereitet und könnten inzwischen Patienten mit Verdacht auf Covid-19 direkt von den anderen Patienten trennen.

Außerdem ist das medizinische Personal wesentlich geschulter im Umgang mit dem Virus. Mit jeder Woche lernen Virologen und Mediziner dazu, können ihre Patienten besser versorgen. Inzwischen können sich auch die Helfenden selbst besser schützen. “Wir haben Gott sei Dank im Vergleich zu März und April genug Schutzmaterial”, berichtet Johna. Allerdings geht sie davon aus, dass in den Lagern der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Kliniken noch Schutzausrüstung lagert, die nicht den hohen Sicherheitsstandards entspricht. “Es wäre wichtig, alle aufzufordern, die Lager genau zu inspizieren und möglichst auch Kriterien an die Hand zu geben, anhand deren die Lager kontrolliert werden können.”

Online-Register für Intensivbetten

Das Gesundheitssystem hat aufgerüstet: Es kann deutlich mehr getestet werden im Vergleich zum Frühjahr, mehr als eine Million Tests pro Woche kann das System stemmen. Im Frühjahr mussten Kliniken noch die Hälfte ihrer Intensivbetten freihalten. Seitdem wurde mehr als eine halbe Milliarde Euro investiert, um zusätzliche Intensivbetten zu schaffen.

Ein Online-Register hilft, einen Überblick über die Anzahl der freien Betten zu bekommen. Statt pauschal zahlreiche Betten nicht zu belegen, kann mit Hilfe des Registers lokal nachgesteuert werden. Kliniken sind verpflichtet, täglich zu melden, wie viele ihrer Intensivbetten belegt sind und wie viele Covid-19-Patienten dort behandelt werden. Für Johna vom Marburger Bund ist das Intensiv-Register ein echter Gewinn.

Sie wünscht sich weitere digitale Netzwerke, wie es sie in einigen Bundesländern schon gibt. Diese würden das Gesundheitssystem nachhaltig verbessern: “Wenn man als Arzt einen Patienten im Rettungswagen begleitet, ist mehr heilfroh, wenn man nicht vier Kliniken im Umkreis anrufen muss, sondern einfach online schauen kann, wo die für diesen Patienten optimal nötigen Kapazitäten auch wirklich frei sind.”

Gesundheitsämter sind leistungsfähiger

Die Versorgung der Covid-Erkrankten gelingt besser und auch die Gesundheitsämter haben dazu gelernt. Für Heiner Garg, Gesundheitsminister in Schleswig-Holstein, ist das ein zentraler Punkt im Kampf gegen das Virus: “Ich glaube, das Wichtigste war, dass wir Strukturen gebildet haben, die sehr schnell in der Lage sind, Infektionsketten nachzuvollziehen.” Die Gesundheitsämter seien heute in der Kontaktnachverfolgung sehr viel leistungsfähiger als sie das im März gewesen sind. Sie wurden personell aufgestockt, zum Teil durch Beamte und Freiwillige aus anderen Behörden.

Auch das Robert Koch-Institut hat Mitarbeiter geschult, die bei der Kontaktnachverfolgung helfen. Für besonders betroffene Gebiete steht auch eine kleine Einsatztruppe zur Verfügung, die in ganz Deutschland eingesetzt werden kann. All das reiche aber nicht, findet Garg: “Die Gesundheitsämter arbeiten seit Februar, März wirklich am Anschlag, und zwar über die Leistungsfähigkeit vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hinaus.”

Es wird noch zu häufig gefaxt

Die Pandemie macht deutlich, wie sehr im öffentlichen Gesundheitsdienst über Jahre gespart wurde. Deswegen ist auch die digitale Infrastruktur nicht zeitgemäß. Es werden immer noch zu häufig Zettel handschriftlich ausgefüllt und gefaxt. “Prozesse müssen digitalisiert werden”, fordert Garg. Die Gesundheitsämter seien zusätzlich damit belastet, unleserliche Personaldaten zu digitalisieren, um zum Beispiel Kontrollanrufe bei Quarantänepflichtigen zu machen.

Neben der Digitalisierung spielt vor allem die Personalverstärkung eine wesentliche Rolle. Doch die Gesundheitsämter haben Schwierigkeiten offene Stellen zu besetzen. “Das wird ein Marathon”, ist sich Garg sicher. “Qualifiziertes Personal läuft nicht auf der Straße herum und wartet nur darauf endlich im öffentlichen Gesundheitsdienst zu arbeiten.”

Die Politik hat das Problem erkannt. Der Bund stellt den Kommunen und Ländern vier Milliarden Euro zur Verfügung. Für mehr Personal und eine vernetzte, digitale Infrastruktur. Im aktuellen Kampf gegen das Coronavirus wird das den Gesundheitsämtern aber kaum weiterhelfen. Die Versäumnisse der vergangenen Jahre lassen sich nicht so schnell aufholen. Bis die Maßnahmen wirken, werden Jahre vergehen.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 07. September 2020 um 09:11 Uhr.