Immunsystem: Wie frühere Erkältungen eine Coronavirus-Infektion beeinflussen könnten – DER SPIEGEL

Immunsystem: Wie frühere Erkältungen eine Coronavirus-Infektion beeinflussen könnten – DER SPIEGEL

Wer sich mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infziert, bleibt entweder so fit, dass er dies gar nicht bemerkt, oder plagt sich ein paar Tage mit leichten Symptomen oder wird schwer krank oder hat über Monate gesundheitliche Probleme oder er stirbt sogar. Es ist im Detail schwer zu klären, warum eine Infektion mit Sars-CoV-2, wie mit anderen Viren übrigens auch, derart unterschiedlich verlaufen kann. Die entscheidende Rolle spielt dabei die Immunreaktion des Einzelnen auf den Erreger.

Eine Theorie ist, dass frühere Infektionen mit anderen Coronaviren, die als Erkältungserreger schon lange zirkulieren, die Immunantwort auf Sars-CoV-2 beeinflussen – und damit die Krankheitsschwere.

In einer im Wissenschaftsmagazin “Science” veröffentlichten Studie hat sich ein Forscherteam genauer mit den sogenannten T-Zellen beschäftigt, einem Teil der Immunabwehr.

Verschiedene Studien zeigten eine deutliche Reaktion von T-Zellen auf Bestandteile des Virus bei 20 bis 50 Prozent der Menschen, die nachweislich noch nie mit Sars-CoV-2 infiziert waren. Es gibt verschiedene Unterarten von T-Zellen, die unterschiedliche Jobs übernehmen: Einige T-Zellen aktivieren andere Teile des Immunsystems und fördern damit die Immunreaktion, andere unterdrücken diese, wieder andere töten befallene Zellen ab. Sogenannte T-Gedächtniszellen bleiben nach einer einer Infektion oder Impfung bestehen und können bei einer erneuten Begegnung mit dem Erreger die Immunantwort fördern.

Jeder Mensch hat andere T-Gedächtniszellen, davon abhängig, welche Krankheiten und Impfungen er oder sie bekommen hat. Außerdem bildet nicht jeder Mensch die gleichen Gedächtniszellen gegen einen bestimmten Erreger, sondern unterschiedliche.

Die Gruppe um Jose Mateus vom La Jolla Institute for Immunology im US-Bundesstaat Kalifornien wollte herausfinden, ob T-Zellen – beziehungsweise einige von ihnen – auf bestimmte Bestandteile von herkömmlichen Erkältungs-Coronaviren und von Sars-CoV-2 gleichermaßen ansprechen. Dafür nutzten sie unter anderem Blutproben von Menschen, die bereits vor einigen Jahren entnommen wurden, als die Probanden noch keinen Kontakt zum neuartigen Coronavirus gehabt haben konnten.

Vereinfacht gesagt präsentierten sie diesen Zellen kleine Abschnitte von Virusproteinen, sogenannte Epitope, auf die die Immunzellen reagieren – oder eben nicht. Fürs Sars-CoV-2 identifizierten die Forscherinnen und Forscher in dieser Studie 142 Epitope, auf die Immunzellen aus den Blutproben ansprachen. Nach weiteren Experimenten folgerte das Team, dass es sich bei den reagierenden Zellen höchstwahrscheinlich um T-Gedächtniszellen handelt, die sich nach einer von Coronaviren verursachten Erkältung gebildet hatten. Das ist auch plausibel, weil einige der Epitope von Sars-CoV-2 denen der Erkältungs-Coronaviren extrem ähneln.

Die wichtige Frage, die noch nicht beantwortet werden kann

Tragen diese Gedächtniszellen dazu bei, dass manche Menschen eine Sars-CoV-2-Infektion problemlos durchstehen? Leider lässt sich das noch nicht beantworten. Das Team um Jose Mateus schreibt selbst: “Die Hypothese ist plausibel, dass bereits bestehende T-Gedächtniszellen dazu beitragen können, dass Covid-19 unterschiedlich schwer verläuft – aber zu diesem Zeitpunkt ist das höchst spekulativ.”

Denn leider lässt sich nicht einmal klar sagen, ob diese Immun-Erinnerung bei einer Sars-CoV-2-Infektion immer von Vorteil ist. Man weiß nämlich, dass in manchen Fällen eine frühere Erkrankung mit einem ähnlichen Erreger sogar ein Nachteil sein kann, weil das Gedächtnis sozusagen die neue Immunantwort in schon festgesteckte Bahnen lenkt – und das muss nicht immer die beste sein.

Es gebe bisher keinen direkten Beleg, dass diese negative Folge bei Sars-CoV-2-Infektionen eine Rolle spielt, aber man müsse es zumindest in Betracht ziehen, schrieben zwei Forscher kürzlich im Fachblatt “Nature Reviews Immunology”.

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