Klimawandel im Aufmerksamkeitstief: Greta, die Riesenkrabbenspinne – DER SPIEGEL

Klimawandel im Aufmerksamkeitstief: Greta, die Riesenkrabbenspinne – DER SPIEGEL

Dann kam Corona und die Schulen schlossen, kein Schüler ging mehr auf die Straße. Inzwischen redet kaum jemand über den Klimawandel, so scheint es. Mit der Aufmerksamkeit für Thunberg ließ auch die für Klimathemen nach.

Die Suchstatistik des Begriffs “Klimawandel” erreichte beispielsweise im vergangenen September, als der Klimarat IPCC einen Sonderbericht herausbrachte, den Jahreshöhepunkt. Der Begriff wurde zu keinem Zeitpunkt innerhalb der letzten fünf Jahre häufiger bei Google eingegeben. Danach ginge es mit den Suchanfragen praktisch ständig bergab. Immerhin liegt das aktuelle Interesse ungefähr auf dem von vor der Thunberg-Ära.

Zu all dem passt, dass sich derzeit ein Drama abspielt, dem kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird. Überall brennt der Wald.

  • Anfang des Jahres traf es Australien – die Feuer vernichteten mehr als zwölf Millionen Hektar Land. Bis zu einer Milliarde Tiere könnten ums Leben gekommen sein.

  • Im Frühjahr brannte es dann in Sibirien und der russischen Arktis, in der ungewöhnlich hohe Temperaturen herrschten. Das begünstigte die Ausbreitung der Flammen, die Millionen Hektar Wald verkohlt zurückließen.  

  • Nun steht Amazonien in Flammen. Die Brandsaison in Südamerika könnte dieses Jahr noch größere Schäden anrichten als im Katastrophenjahr 2019, befürchten Experten. Allein 7000 Feuer loderten vergangenen Monat in Brasilien.

Während solche Nachrichten im Thunberg-Jahr Empörung auslösten, ist die Öffentlichkeit derzeit von Corona abgelenkt. Dabei zerstören die Brände nicht nur ganze Ökosysteme, sondern verursachen langfristig auch Klimaschäden. Wald bindet Kohlendioxid – verschwinden die Bäume, kann er diese wichtige Funktion nicht mehr erfüllen. Noch schlimmer ist, dass durch die Brände jede Menge CO2 freigesetzt wird. In Sibirien verzeichneten Forscher jüngst einen Rekord. Seit Anfang Mai sind dort geschätzt 59 Megatonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre geraten, der höchste Wert seit Beginn der Messungen.

Greta Thunberg hätte genug Gründe, um im Kampf um die Aufmerksamkeit für die Klimaschutzbewegung zu verzweifeln. Es ist still um die inzwischen 17-jährige Schwedin geworden, aber sie ist weiterhin aktiv. Zuletzt traf sie sich mit einem Forscher aus Norwegen an der Grenze der beiden Länder für ein Interview. Weil sie wegen der Corona-Maßnahmen in das Land nicht einreisen durfte, unterhielten sich die beiden über die Grenze hinweg – ohne das Land des jeweils anderen zu betreten. Im Juni benannte ein Forscher eine Spinnengattung nach ihr – um erneut auf die Relevanz von Klimaschutz aufmerksam zu machen. Eine Art aus der Familie der Riesenkrabbenspinnen heißt nun “Thunberga greta”.

Herzlich

Ihr Jörg Römer

(Feedback & Anregungen?)

Abstract 

Was die Wissenschaft diese Woche beschäftigte:

  • Manchmal kann Wissenschaft besondere Risiken bergen. Beispielsweise wenn Forscher versuchen, über die Analyse von sozialen Netzwerken Einblicke in die Strukturen der sizilianischen Mafia zu erhalten.

  • Dass Krebsgeschwüre die Menschheit schon seit grauer Vorzeit quälen, ist schon länger durch anthropologische Studien belegt. Aber offenbar litten auch Dinosaurier an Krebs.

  • Die Jagd mit vergifteten Pfeilen bietet einige klar erkennbare Vorteile. Selbst wenn man die Beute nicht richtig trifft, kann sie nicht entkommen und man spart sich die Rennerei. Schon vor 70.000 Jahren könnten Menschen in Afrika mit dieser Taktik gejagt haben, glauben Forscher.

  • Was haben wir Menschen und der Graudrossling, eine sehr gesellig lebende Vogelart, gemeinsam? Genau wie die Vögel ziehen wir uns aus der Öffentlichkeit zurück, wenn wir Sex haben – jedenfalls tun das die meisten von uns. Ein Forscher hat in einer Studie untersucht, warum das so ist.

  • Im alten Arabien stellten Menschen schon vor 8000 Jahren präzise gefertigte Speer- und Pfeilspitzen aus Stein her. Dabei ging es nicht nur um Funktionalität, sondern auch darum, mit seinen Handwerkskünsten anzugeben.

Quiz*

  1. Irgendwann wird auf der Erde das Licht ausgehen, weil der Treibstoff unserer Sonne aufgebraucht ist. Wie lange spendet uns die Sonne noch Licht?

  2. Was versteht man unter der Pinocchio-Illusion?

  3. In der vergangenen Woche wäre Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond, 90 Jahre alt geworden. Wie viele Nasa-Astronauten können derzeit noch von ihrem Aufenthalt auf dem Erdtrabanten berichten?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Sonnenlicht brauchen diese Tomaten gar nicht, Wasser nur in sparsamer Dosierung. Sie gedeihen in einem Gewächsmodul der niederländischen Firma PlantLab. Ein Computer steuert das geschlossene System, die Farbmischung der LED-Leuchten ist für die Fotosynthese der Pflanzen optimiert. Auf mehreren Etagen erprobt die Firma das Prinzip der Indoor-Farm, die sich an jedem Ort der Welt betrieben ließe – theoretisch auch auf dem Mars.

Fußnote  

470 Millionen Dollar im Jahr könnte der Kot aller Möwen, Pelikane und anderer Seevögel wert sein. Das ergab eine Berechnung brasilianischer Wissenschaftler. In die Summe ging unter anderem der Marktwert von Vogeldünger ein, Guano genannt. Viele Ökosysteme in Küstennähe profitieren zudem von einer steten Versorgung mit Vogelkot. In Korallenriffen etwa kann dadurch die Biomasse an Fischen fast um die Hälfte steigen, was wiederum der Fischerei zugutekommt.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten  
1. Noch mindestens fünf Milliarden Jahren, schätzen Forscher. Dann ist der Wasserstoff, der die Kernfusion antreibt, aufgebraucht. Die Sonne wird zu einem Roten Riesen.
2. Der Effekt entsteht, wenn sich Menschen mit geschlossenen Augen an die eigene Nase fassen, während beispielsweise ihr Bizeps Vibrationen ausgesetzt ist. Sie schätzen ihre Nase dann viel länger, als sie eigentlich ist.
3. Vier. Es sind Buzz Aldrin (90), David Scott (88), Charles Duke (85) und Harrison Schmitt (85).