Mississippi-Blase: 1720 – das Jahr des ersten großen Crashs – Spektrum.de

Mississippi-Blase: 1720 – das Jahr des ersten großen Crashs – Spektrum.de


Das Prinzip war einfach: Man tauschte seine wertlosen Staatsanleihen gegen Aktien der Kompanie – und hoffte auf den großen Gewinn

Dennoch: John Law hatte Wort gehalten und der französischen Wirtschaft binnen kurzer Zeit neues Leben eingehaucht. Sein noch größeres Ziel, den Abbau der Staatsschulden, hatte er währenddessen nicht aus dem Blick verloren. Inspirieren ließ sich der Ökonom insbesondere von den großen englischen Handelsgesellschaften wie der East India Company oder der 1711 gegründeten South Sea Company. Diese waren gewinnorientierte und mehrheitlich in privater Hand befindliche Aktiengesellschaften, die jedoch mit staatlichen Privilegien ausgestattet und eng mit dem Staatsapparat verknüpft waren. Namentlich die South Sea Company hatte Jahre zuvor den britischen Staat um einen Teil seiner Schulden erleichtert. Ein Modell zum Nachahmen? Auch Frankreich besaß Gebiete in Nordamerika, und es besaß eine Handelsgesellschaft. Louisiana, so der Name des Überseeterritoriums, erstreckte sich über fast 5000 Kilometer entlang des Mississippi vom Golf von Mexiko bis ins heutige Kanada.

Eine Goldgrube, befand Law, deren schier unerschöpfliche Ressourcen und Potenziale man nur fördern müsse. 1717 wurde die französische Westindienkompanie als Compagnie d’Occident (Kompanie des Westens) neu gegründet. Bis heute ist sie auch unter dem Namen Mississippi-Kompanie bekannt. Sie hatte zwei Ziele: Sie sollte den Handel mit Louisiana entwickeln und Gewinne erwirtschaften. Vor allem aber sollte sie nach dem Vorbild der South Sea Company dabei helfen, den staatlichen Schuldenberg abzutragen.

Aus Schuldverschreibungen werden Unternehmensanteile

Das Prinzip war denkbar einfach: Die Gläubiger konnten ihre Staatspapiere gegen Anteile der Kompanie eintauschen. Auf diese Weise verlor der Staat seine Schulden, während die Aktionäre bei steigenden Kursen und hohen Dividenden auf noch deutlich größere Gewinne spekulieren konnten, als ihnen bisher durch Zinsen in Aussicht standen. Je höher also das Interesse an den Aktien der Compagnie d’Occident war, desto mehr Schulden ließen sich konvertieren. Und das Interesse wiederum war geknüpft an den Glauben, dass die Handelsgesellschaft tatsächlich im Stande war, enorme Gewinne aus den französischen Gebieten am Mississippi zu holen. Eine Vorstellung, die von Law permanent genährt wurde.

Hatte bisher, anknüpfend an Karl Marx, bei dem Schotten noch das Prophetische dominiert, kam nun der Schwindler zum Vorschein. Der Ökonom nutzte seinen politischen Einfluss, um die Mississippi-Kompanie in den kommenden drei Jahren zu einem monströsen Konglomerat aufzublasen. Das Monopol für den Handel mit Louisiana wurde zügig auf sämtliche französischen Kolonien ausgeweitet. Bald besaß die Gesellschaft auch das königliche Privileg, Münzen zu prägen und Steuern einzutreiben. Eine solche Machtfülle allein hätte schon ausgereicht, um den Aktienkurs nach oben zu treiben. Hinzu kamen gezielte Manipulationen durch die Medien. Aus den Reihen der Kompanie wurden zahlreiche Zeitungsberichte lanciert, in denen Louisiana als ein gelobtes Land gepriesen wurde mit mildem Klima und ebenso reichem Wild- wie Gold-, Silber-, Kupfer- und sogar Smaragdvorkommen. In Wahrheit gab es dort nur wenig, was sich in klingende Münze umsetzen ließ. Um mehr Siedler in die Neue Welt zu locken und ihnen teuren Boden zu verkaufen, wurde 1718 die Stadt La Nouvelle Orléans, benannt nach Laws königlichem Gönner, gegründet. Bereits ein Jahr danach konnte man in der Zeitung »Nouveau Mercure« lesen, dass in New Orleans 800 Häuser stünden, zu denen jeweils ein Landbesitz mit der beeindruckenden Größe von 120 Morgen gehöre. Ein Reisender beschrieb die Stadt wenige Jahre später als ärmliche Ansammlung von ein paar Holzhütten.

Da Law nicht nur Chef der inzwischen in »Compagnie des Indes« (Kompanie beider Indien) umbenannten Handelsgesellschaft war, sondern auch weiterhin Direktor der Banque royale, konnte er leicht die Geldschleusen öffnen, um die Anteilseigner der Kompanie mit noch mehr Kapital zu versorgen. »Je mehr Wert die Aktien im Besitz eines Aktionärs hatten, umso mehr Kredit bekam er«, schreibt der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger. »Der Anstieg der Aktienkurse führte so zu weiterer Geldschöpfung, welche wiederum zu weiteren Aktienkäufen und damit zu einem weiteren Anstieg der Aktienkurse führte. Dies waren nun wirklich optimale Bedingungen für die Entwicklung einer spekulativen Blase.«

Eine Rendite von fast 2000 Prozent – binnen eines Jahres

So wundert es nicht, dass der Aktienkurs der Mississippi-Kompanie bald in fantastische Höhen schnellte, zusätzlich angefacht von immer neuen Aktienausgaben und irrwitzigen Dividendenankündigungen. Konnte man im Januar 1719 ein Wertpapier noch für 500 Livres kaufen, lag der Preis im Dezember bei knapp 10 000 und hatte sich damit innerhalb eines Jahres verzwanzigfacht. In der Pariser Rue Quincampoix, wo die Büros der Kompanie lagen, befand sich das Epizentrum der Aktienmanie. Hier herrschte ein tumultartiges Treiben. Während einige säckeweise das Geld abtransportierten, das sie durch den Verkauf ihrer Anteile erhalten hatten, drängten sich Menschen aus ganz Europa und aller Schichten in der engen Gasse, um irgendwie ein paar Wertpapiere zu erhaschen. Ein Angehöriger der britischen Botschaft berichtete von Fürsten und Herzögen, die ihre Landgüter und Juwelen verkauften, um vom Erlös Aktien zu erwerben.

Überhaupt konnte man sich auf der anderen Seite des Ärmelkanals nur erstaunt die Augen reiben angesichts dessen, was der entflohene Sträfling Law im Nachbarland tat. Die Angst, von Frankreich wirtschaftlich abgehängt zu werden, war groß. Und so kopierte man mit der britischen South Sea Company, die einst Laws Vorbild gewesen war, kurzerhand dessen System und begann Anfang 1720, die gesamten Staatsschulden in Unternehmensanteile umzuwandeln, wobei sich die Company der gleichen fragwürdigen Methoden bediente, um das Interesse an ihren Aktien zu steigern. Mit Erfolg: Der Kurs der South Sea Company lag im Februar bei 130; bis August 1720 wird er auf seinen Höchststand bei über 900 Pfund klettern.

Laws Macht und Ansehen steigen mit dem Aktienkurs

Am 8. Januar stand John Law auf dem Gipfel seines Ruhms. An diesem Tag war der Kurs auf das Allzeithoch von 10 100 Livres gestiegen. Law war Direktor der französischen Notenbank, Chef des ersten diversifizierten Megakonzerns der Geschichte mit einem Wert von mehr als sechs Milliarden Livres und seit drei Tagen noch zusätzlich Finanzminister Frankreichs. Und er war geradezu sagenhaft reich. Ganz Europa sah in dem Schotten das größte lebende Finanzgenie.

Dann geschah etwas Seltsames.

Der Aktienkurs der Compagnie des Indes stieg nicht weiter an, er stagnierte. Vermutlich hatten viele Anleger den Zeitpunkt für günstig gehalten, um ihre Aktien zu verkaufen und die Gewinne einzustreichen. Vielleicht beschlich sie auch zunehmend die Ahnung, dass der Unternehmenswert in keiner Weise mehr die tatsächlichen wirtschaftlichen Aktivitäten der Handelsgesellschaft widerspiegeln konnte. Um die Furcht vor einer noch stärkeren Überhitzung auszuräumen, ließ John Law den Kurs im März auf 9000 Livres fixieren. Doch dann beging der Schotte einen kapitalen Fehler: Um gegen die überhandnehmende Inflation vorzugehen, beschloss er am 21. Mai, den Wert der Aktien und der Banknoten zu halbieren. Seine Hoffnung war, dass sich der Kurs bei etwa 5000 Livres einpendeln würde. Er erreichte das Gegenteil. Wütende Menschen warfen der Banque royale die Fensterscheiben ein und forderten, dass man ihr Papiergeld wieder gegen Münzen eintausche. Auf einen Schlag hatte man in Frankreich das Vertrauen in das System Law verloren. Nach wenigen Tagen gab der Schotte dem Druck nach und nahm die Halbierung zurück, doch es änderte nichts: Die Blase war geplatzt.

Dem Aktienmarkt geht die Luft aus

In kürzester Zeit stürzte die Aktie von 9000 auf etwa 4000 Livres und fiel von da an kontinuierlich. Im Dezember 1720 erreichte der Kurs die Marke von 1000 Livres, da war die Mississippi-Kompanie schon seit Monaten zahlungsunfähig. Law hatte inzwischen seine Ämter verloren und war unter Hausarrest gestellt worden. Im September 1721 hatten die Aktien der Compagnie des Indes wieder ihren Ausgangswert von 500 Livres erreicht. Die Banque royale war zu diesem Zeitpunkt bereits abgewickelt.

Die Ereignisse in Frankreich und England lösen europaweit ein Finanzbeben aus

Zwar erging es der South Sea Company, die offiziell noch bis 1853 existierte, etwas besser, doch auch die britische Spekulationsblase platzte. Der rapide Anstieg des Company-Kurses hatte in England zu einem allgemeinen Aktienboom und zur Gründung zahlloser kleiner Aktiengesellschaften geführt. Als das britische Parlament dieser Entwicklung durch ein Gesetz Einhalt gebieten wollte, zogen viele Anleger ängstlich ihr Kapital aus dem Aktienmarkt; sie verursachten so auch den Kursabsturz der South Sea Company, die bereits Ende des Jahres 1720 ihren Wert vom Jahresanfang wieder erreichte.

Die Ereignisse, die sich in Frankreich und England abspielten, lösten ein Finanzbeben aus, das in ganz Europa spürbar war. An den Börsen von Lissabon über Amsterdam bis Hamburg gab es massive Kurseinbrüche, in der Schweiz kam es zu einer Bankenkrise. Das französische Volk war von John Laws Reformen so traumatisiert, dass es das Rad der Zeit zurückdrehte und das Papiergeld für einige Jahrzehnte wieder abschaffte.

Es gibt nicht nur Verlierer

Die Spekulationsblasen, die vor 300 Jahren Europa erschütterten, brachten unzählige Verlierer, jedoch ebenso viele Profiteure hervor. Isaac Newton, der sich noch im Frühjahr 1720 über die Aktienmanie mit dem Ausspruch mokiert hatte, er könne zwar den Gang der himmlischen Gestirne, nicht aber den Irrsinn der Menschen berechnen, ließ sich kurz darauf ebenso von der Aussicht auf astronomische Gewinne blenden wie viele andere – und verlor ein riesiges Vermögen. Der Buchhändler Thomas Guy wiederum verkaufte seine Wertpapiere rechtzeitig und wurde mit einem Schlag reich. Von dem Gewinn spendete er in London ein Krankenhaus, das bis heute seinen Namen trägt. Auch der französische König, dessen Anteile von 20 Prozent an der Compagnie des Indes fast zum Höchstpreis veräußert wurden, zählte zu den großen Spekulationsgewinnern. Letztlich scheiterten sowohl die Mississippi-Kompanie als auch ihr englisches Äquivalent daran, dass sie den Anlegern einen wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen in Aussicht stellten, der von Anfang an völlig unrealistisch war.

John Law und die Direktoren der South Sea Company hatten ein Gebilde aus Lügen und Täuschungen errichtet, um ihr Ziel zu erreichen. Am Ende waren Frankreich und England ihre Schulden zwar los. Doch das Vertrauen vieler Bürger in den noch jungen Finanzmarkt war nachhaltig erschüttert, und der Erfolg wurde mit dem Ruin zahlloser wirtschaftlicher Existenzen bezahlt – und zwar in ganz Europa.

Und Law? Er entschlüpfte abermals dem Arrest und verließ Frankreich heimlich, um einer Strafverfolgung zu entgehen. Schon bald knüpfte er wieder an sein altes Nomadenleben an. 1729 starb der Schotte, der einer der mächtigsten Männer Frankreichs gewesen war, in bescheidenen Verhältnissen in Venedig.