Party, bis es knallt – Süddeutsche Zeitung

Dass das vergangene Wochenende kein leichtes werden würde für die Polizei in Pforzheim, das hatte sich schon vorher abgezeichnet. Die Verwaltung der Stadt am Rande des Schwarzwalds hatte sich auf Bitten der Gastronomie großzügig gezeigt und sogar einer Diskothek erlaubt, wieder zu öffnen – unter der Auflage, dass Tische auf die Tanzfläche gestellt werden und der Club damit praktisch zum Speiselokal wird. Aber als die Beamten zu fortgeschrittener Stunde vorbeischauten, tanzten die Gäste ausgelassen. Der Club wurde geschlossen, und auch bei drei weiteren Lokalen in der Innenstadt mussten die Polizisten den Spielverderber geben.

Statt einsichtig nach Hause zu gehen, trafen nun Gruppen angetrunkener und enttäuschter junger Leute in der Innenstadt aufeinander. Als die Polizei schließlich mit 40 Beamtinnen und Beamten anrückte, war es schon nach 2 Uhr, und etwa 130 Jugendliche hatten endlich einen Feind, an dem sie ihren Frust auslassen konnten. Die Einsatzkräfte wurden als Rassisten beschimpft, eine Flasche flog in Richtung eines Streifenwagens.

Das Phänomen ist bundesweit zu beobachten. Vieles, was Spaß macht, ist aus Gründen des Infektionsschutzes immer noch nicht erlaubt. Überwachen müssen das eigentlich die Ordnungsämter, aber sobald es Ärger gibt, hat die Polizei die undankbare Aufgabe, die Regeln durchzusetzen. Und dann kam auch noch die “Black Lives Matter”-Debatte ins Spiel.

Der Vorwurf, die Maßnahmen richteten sich nur gegen Schwarze und Menschen mit Migrationshintergrund, sei “an den Haaren herbeigezogen”, sagt Dirk Wagner, der Sprecher der Polizei in Pforzheim. Man habe es ja mit einer gemischten Gruppe zu tun gehabt, Schwarze waren genauso darunter wie Badener und Schwaben und wahrscheinlich sogar schwarze Schwaben und Badener mit Wurzeln in der Türkei. Kurz: Normalität in einer deutschen Großstadt. Das eigentliche Problem sei die Kombination aus Frust und Alkohol, sagt Wagner. Neu sei der Rassismusvorwurf, den manche nutzten, um bei Polizeieinsätzen vom eigentlichen Anlass abzulenken.

Esad Esmer möchte den Pforzheimer Beamten keinen Vorwurf machen. Der 28-Jährige hat vor acht Jahren den Jugendgemeinderat der Stadt mit aufgebaut. Seit er aus Altersgründen ausgeschieden ist, engagiert er sich für die SPD in der Kommunalpolitik. “Die Menschen warten darauf, wieder feiern und auch tanzen zu können”, sagt Esmer. Ob in diesem Jahr noch Festivals und Großveranstaltungen in der Region stattfinden könnten, sei nicht abzusehen. Wenn, dann könne man deswegen der Politik einen Vorwurf machen. Die Polizei setze die Regeln schließlich nur um.

An vielen Orten im ganzen Land bedeutet das gerade einiges an Mehrarbeit für die Einsatzkräfte. In Bonn etwa sind derzeit an Wochenenden etwa 70 Beamte zusätzlich im Einsatz, um die Feiernden zu befrieden, die sich in warmen Nächten in Scharen am Rheinufer treffen. Auch andernorts zieht es die Feiernden ans Wasser; in München war die Polizei zuletzt an heißen Wochenenden mit bis zu 600 Beamten zusätzlich unterwegs, um Zehntausende am Isar-Ufer schon anzusprechen, bevor es dunkel wird und der Alkohol seine Wirkung voll entfaltet.

Nach den Beobachtungen der Münchner Polizei haben viele Jugendliche nach Monaten der Ausgangsbeschränkungen nicht nur Nachholbedarf beim Feiern, sondern auch einigen Frust angesammelt. Der vermenge sich dann mit einem Thema, das mit dem aktuellen Einsatzanlass erst einmal nichts zu tun hat: “Sobald Beamte Recht durchsetzen und einen Platz räumen, werden nun immer wieder Rassismusvorwürfe laut”, sagt Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins.

Repression ist kein geeignetes Mittel, um feiernde Menschen zu vertreiben. Grundsätzlich dürfen sich ja alle Bürger im öffentlichen Raum aufhalten, auch in Gruppen. Erst wenn sie mit steigendem Alkoholpegel beginnen zu streiten oder wenn Nachbarn sich beklagen und Reden nichts mehr hilft, schreiten die Beamten ein. An einem heißen Wochenende gehen in München 150 Anrufe wegen Ruhestörung auf der 110 ein. Innerhalb von zehn Tagen wurde die Polizei drei Mal zu Einsätzen gerufen, weil sich größere Gruppen prügelten. Als sie eintrafen, verbrüderten sich die Streithähne gegen die Beamten. Damit es gar nicht so weit kommt, sprechen Beamte bestimmte Gruppen schon vorher an. Sie sollen wissen, dass die Polizei ein Auge auf sie hat. Statt Wasserwerfern kommen mobile Lichtmasten zum Einsatz, um Menschenmengen im Dunklen zu zerstreuen.

Die Konflikte seien im Grunde nicht neu, sagt da Gloria Martins. Beschwerden wegen Ruhestörungen und Streiterein zwischen Betrunkenen habe es früher auch schon gegeben und in warmen Sommernächten vermehrt. Jetzt aber kommen der Frust über die Corona-Beschränkungen, der Mangel an Beschäftigung und die Debatte um Polizeigewalt und Rassismus hinzu. “In so einer Gemengelage reichen manchmal Kleinigkeiten, um eine Situation eskalieren zu lassen”, sagt er. Wenn Personen “alkoholbedingt die Steuerungsfähigkeit verloren” hätten und gutes Zureden nichts mehr helfe, bleibe der Polizei manchmal keine andere Wahl, als unmittelbaren Zwang anzuwenden. “Widerstand ist nie schön und sieht nie elegant aus.” Dass Aufnahmen solcher Szenen heute sofort in sozialen Medien verbreitet werden, heizt die Atmosphäre zusätzlich an.

Am zuverlässigsten wirkt offenbar ein Mittel, das weder Politik noch Polizei beeinflussen können. Hamburgs Polizei müsse keine zusätzlichen Kräfte einsetzen, sagt deren Sprecher. “Hier ist einfach nicht so oft schönes Wetter.”