Reiche Nationen horten Corona-Impfstoffe – zum Nachteil für alle – Spektrum.de

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Einige Wissenschaftler und Aktivisten haben vorgeschlagen, dass die Regierungen die Entwickler nötigen könnten, ihre Impfstoffe an einheimische Hersteller zu lizenzieren – so könnten die Länder ihre eigenen Versionen erfolgreicher Impfstoffe herstellen. Nach den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) sind solche »Zwangslizenzen« erlaubt; sie wurden zur Herstellung generischer Formen antiretroviraler Medikamente gegen HIV verwendet. Aber diese Regeln beziehen sich nur auf Patente, nicht auf andere geschützte Informationen, die in die Herstellung eines Impfstoffs und seine Zulassung einfließen, so Baker. Dennoch sollten seiner Meinung nach die Länder andere Mechanismen prüfen, um die Impfstoffhersteller zur Weitergabe dieser Informationen zu zwingen.

Feinberg sagt jedoch, dass eine Zwangslizenz »bedeutungslos« sei, wenn es um Impfstoffe geht, deren Herstellung weitaus komplizierter sei als die von kleineren Wirkstoffmolekülen. »Es ist nicht realistisch zu glauben, dass jedes Land seine eigene Version eines Impfstoffs herstellen wird«, sagt er. Patente und geistiges Eigentum seien nicht das, was einer gerechten Verteilung von Covid-19-Impfstoffen im Weg stehe; vielmehr erforderten ein gerechter Zugang und erschwingliche Preise die Zusammenarbeit zwischen Regierungen und Impfstoffherstellern.

Wie viele Einheiten sind realistisch?

Wenn alle viel versprechenden Kandidaten-Vakzinen tatsächlich zugelassen werden, könnten nach Schätzungen der beteiligten Unternehmen bis Ende 2021 Impfstoffe für mehr als zehn Milliarden Menschen zur Verfügung stehen. Die meisten der Präparate würden in den Vereinigten Staaten oder Europa hergestellt (siehe ›Wo der Impfstoff produziert wird‹).

Aber diese Zahlen sollten nicht für bare Münze genommen werden, warnt Jeffrey Almond, Impfstoffwissenschaftler und Gastwissenschaftler an der University of Oxford, der zuvor die Impfstoffentwicklung des französischen Pharmakonzerns Sanofi Pasteur leitete. »Es handelt sich dabei um eine grobe Schätzung«, sagt er, die auf Annahmen darüber beruhe, wie die Produktionskapazität gesteigert werden kann. Doch von denen seien einige »allzu optimistisch«. Viele der Impfstoffe basieren auf Technologien, die noch nie auf das von den Unternehmen erhoffte Produktionsniveau hochgefahren wurden.

Was realistisch ist, ist offenbar kaum abzusehen: Airfinity, ein Marktanalyse-Unternehmen für Biowissenschaften in London, geht derzeit davon aus, dass bis zum vierten Quartal 2021 nur die Menge für eine Milliarde Einheiten zur Verfügung stehen werde. Von Mai bis Juni 2020 führte das CEPI eine anonyme Umfrage bei 113 Unternehmen durch, die Komponenten der Impfstoffe herstellen, und schätzte die Produktionskapazität bis Ende 2021 auf zwei bis vier Milliarden Einheiten.

Sollte es Covid-19-Impfstoffe geben, werden die meisten in den USA hergestellt werden, wie die Grafik zeigt.Laden…

© Nature, nach Daten von Airfinity; Callaway, E.: The unequal scramble for coronavirus vaccines. Nature 584, 2020; dt. Bearbeitung: Spektrum der Wissenschaft (Ausschnitt)

Wo Impfstoffe produziert werden

Die Zahl der Menschen, die geimpft werden können, wird auch von der Zahl der pro Person nötigen Impfungen abhängen. Viele der Spitzenimpfstoffe, darunter die Impfstoffe von Moderna, Pfizer und Novavax, sollen in zwei Schritten verabreicht werden. Johnson & Johnson beabsichtigt die Erprobung eines Impfstoffs mit einer Dosis, und das Team von AstraZeneca-Oxford prüft die Verabreichung von einer und zwei Dosen.

Preisspanne extrem unterschiedlich

Finanzielle Details für viele der Kaufverträge sind geheim. Das CEPI, das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten haben für Impfstoffe bezahlt und die Forschung zu deren Entwicklung finanziert. Doch oft ist nur wenig über die mit dieser Finanzierung verbundenen Bedingungen bekannt, sagt Duncan Matthews, ein Spezialist für Patente und Zugang zu Medikamenten an der Queen Mary University of London.

Die Kosten für Impfstoffe sind unterschiedlich hoch: Die Vereinigten Staaten beispielsweise zahlen ihren Kaufverträgen gemäß weniger als vier Dollar pro Dosis für den Impfstoff von AstraZeneca, aber 25 Dollar für jede Dosis des Impfstoffs von Moderna. Für viele der Vereinbarungen sind jedoch nur wenige Kosten veröffentlicht worden, und es ist wenig darüber bekannt, ob sich Länder aus dem Kauf zurückziehen können, wenn die Impfstoffe ein bestimmtes Wirksamkeitsniveau nicht erreichen – oder ob einige in der Lage sein könnten, zusätzliche Dosen vor anderen zu kaufen. »Was in den Verträgen steht, die sie unterzeichnen, und wer Zugang zu dem Impfstoff erhält und zu welchem Preis – das ist völlig intransparent«, sagt Matthews.