Russland: Moskau erlaubt Sonderflüge für die deutsche Wirtschaft – Handelsblatt

Russland: Moskau erlaubt Sonderflüge für die deutsche Wirtschaft – Handelsblatt

Eingeschränkter Flugverkehr: Coronavirus in Russland

Passagiere sitzen auf dem internationalen Flughafen Scheremetjewo unter einer Fluginformationstafel.



(Foto:& dpa)

Moskau Christian Middelhauve strahlt unter der Maske, aber über das ganze Gesicht. Es ist Freitag kurz vor drei Uhr morgens, als der CEO von Mercedes Benz Capital endlich die Passkontrolle am Moskauer Flughafen Domodedowo hinter sich hat. „Das war ein echtes Abenteuer“, sagt der Berliner. Ein von der deutsch-russischen Auslandshandelskammer (AHK) und der Botschaft organisierter Sonderflug der Lufthansa hat Middelhauve und 135 weitere Passagiere aus Frankfurt/Main nach Moskau gebracht.

Seit Monaten drücken die Reisebeschränkungen als eine der Corona-Folgen auf das Geschäft der deutschen Unternehmen und Niederlassungen in Russland. Maschinen können nicht repariert und gewartet werden, weil das spezialisierte Technikerpersonal aus Deutschland keine Einreiseerlaubnis bekommt. Die Folge: Stillstand der Produktion.

Insgesamt beziffern deutsche Unternehmen in Russland in einer Geschäftsklimaumfrage der AHK die ihnen aus Anti-Corona-Maßnahmen entstehenden Verluste auf 750 Millionen Euro. Ein nicht unbeträchtlicher Teil davon wird durch die Reise- und Visabeschränkungen verursacht. AHK-Chef Matthias Schepp fordert daher eine schnelle Wiederaufnahme des freien Reiseverkehrs. „Das würde wie ein zweites Konjunkturpaket wirken und viele 100 Millionen Euro an Investitionen freigeben“, ist er überzeugt.

Hohe wirtschaftliche Schäden

Eigentlich standen sogar weitere elf Namen auf der Liste des Sonderflugs aus Frankfurt. Doch ihnen gelang die Einreise nicht, weil das Corona-Testzentrum im Flughafen Frankfurt trotz vorher ausgemachter Termine die Testergebnisse nicht rechtzeitig liefern konnte. So verpassten mehrere Manager den Flug.

André Fritsche, Chef der Abteilung Regierungskontakte in der AHK, der die Rückholaktionen koordiniert und die Ankömmlinge mitten in der Nacht in Empfang nimmt, ist Ärger gewohnt. „Jedes Mal haben wir mit anderen Problemen zu kämpfen“, sagt er. Fünf Sonderflüge hat er inzwischen organisiert. „Die Einreisebedingungen ändern sich ständig, und da wir für jeden Flug eine Einzelgenehmigung brauchen, wissen wir oft bis zum Gate nicht, ob es wirklich klappt.“ Vor allem die Quarantäneforderungen sind oft widersprüchlich.

Und doch lohnt sich die Mühe. Denn inzwischen sind so mehrere Hundert Diplomaten, Manager und Techniker, aber auch Familienangehörige eingereist – nicht nur aus Deutschland. Der Bedarf ist riesig. Es ist derzeit die einzige Möglichkeit, von Deutschland nach Russland zu kommen. Denn eigentlich sind die Grenzen zwischen der EU und Russland noch dicht.

Middelhauve hing seit Mitte März in Großbritannien fest. Seine Frau, eine Britin, war schwanger und wollte ihr Kind in London zur Welt bringen. „So bin ich zur Geburt meines Sohnes ausgereist und direkt in den Lockdown geflogen“, erzählt der Manager dem Handelsblatt. Ein Zurück gab es nicht mehr, sechs schon gebuchte Aeroflot-Flüge wurden gestrichen und, so musste Middelhauve monatelang die Geschäfte in Russland von London aus führen. Glücklicherweise hatte das Unternehmen schon vor der Coronakrise Tests für die Verlagerung ins Homeoffice durchgeführt.

Eine Herausforderung war es trotzdem, denn der Refinanzierungsbedarf bei Händlern und Kunden stieg in der Krisenzeit deutlich an. Den Überblick aus der Ferne über alle Prozesse in der Firma zu behalten erforderte viel Mühe. Deswegen setzte Middelhauve nach Lockerung der Corona-Maßnahmen und einer Teilrückkehr der Belegschaft ins Büro auch alles daran, wieder zurückzukommen. „Sie fühlen sich wie ein Schiffskapitän. Wenn Sie in Hamburg sind, können Sie in den Hafen gehen, um nach dem Rechten zu schauen. Aus der Ferne geht das nicht“, vergleicht er.

Reise- und Visabeschränkungen stören Geschäft massiv

Ausländische Spezialisten können nicht eingestellt werden, unter anderem weil das russische Außenministerium die Visavergabe während der Corona-Hochphase eingestellt hat und auch jetzt nur sehr zögerlich wieder aufnimmt. Middelhauve, dessen Arbeitsvisum Ende April auslief, bekam einen Tag vor Abflug seine Visumverlängerung.

Andere hingegen stehen noch auf der Warteliste. Betroffen davon ist auch die Deutsche Schule in Moskau, wo ein Großteil der Kinder deutscher Diplomaten und Geschäftsleute unterrichtet wird. Geplanter Beginn des neuen Schuljahrs ist der 24. August. Direktor Uwe Beck, der ebenfalls im Nachtflieger saß, ist skeptisch: „Das wird sportlich, denn die Hälfte der Lehrer ist noch nicht in Russland“, sagt er.

Eigentlich hatte Beck auf die Wiederaufnahme des regulären Flugverkehrs Anfang August gesetzt. Doch das scheiterte auf politischer Ebene, die EU sieht für eine Grenzöffnung noch zu viele Neuinfektionen in Russland. Einseitig will Moskau Deutsche auch nicht wieder ins Land lassen. So hat die Schule nun gerade bei Neubesetzungen Probleme, da es mit Visa- und Dienstpassvergabe noch klemmt.

Eine weitere Folge der Reisebeschränkungen: Geschäftsleute können keine Verträge aus der Ferne unterschreiben, sodass wichtige Aufträge verloren gehen. „Konkret können so die Eigentümer eines deutschen Familienunternehmens seit Wochen nicht einreisen, um in Russland zu investieren“, klagt AHK-Chef Schepp. Seinen Angaben nach geht es in dem Fall um einen hohen zweistelligen Millionenbereich.

Mitte August soll Swiss Air probehalber wieder Russlandflüge aufnehmen dürfen. Derzeit gilt aber als ungesichert, dass auch andere Staatsbürger als Schweizer oder Russen an Bord dürfen. So bleiben die inzwischen zweiwöchig organisierten Sonderflüge das einzige Nadelöhr zwischen Deutschland und Russland.

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