Von Honecker zu Trump: Über vermeintlich beste Freunde der Juden – Tagesspiegel

Von Honecker zu Trump: Über vermeintlich beste Freunde der Juden – Tagesspiegel

Den letzten Satz seines politischen Testaments schrieb Adolf Hitler am 29. April 1945. Noch einmal forderte er die Deutschen zum „unbarmherzigen Widerstand gegen den Weltvergifter aller Völker, das internationale Judentum“ auf. Einen Tag später verübte er Selbstmord.

Der Glaube an ein „internationales Judentum“, ein „Weltjudentum“ oder eine „jüdische Weltverschwörung“ steht im Zentrum des Antisemitismus. Daraus abgeleitet wird Juden als globales Kollektiv eine übermäßig große Macht angedichtet.

Laut einer Studie des Jüdischen Weltkongresses vom vergangenen Jahr sind 26 Prozent der deutschen Elite – das sind Hochschulabsolventen mit einem Jahreseinkommen von mindestens 100.000 Euro – der Ansicht, Juden hätten „zu viel Macht in der Weltpolitik“.

Wer diesen Mythos teilt, der oft eine Projektion eigener Machtfantasien ist, sieht sich vor die Wahl gestellt, entweder Juden zu bekämpfen, um deren imaginierte Macht zu brechen – das ist der klassische Antisemitismus -, oder Juden zu umarmen, um an deren imaginierter Macht teilzuhaben. Beiden Reaktionsweisen liegen verwandte Vorurteile zugrunde.

Beispiele für den klassischen, eliminatorischen Antisemitismus gibt es zuhauf. Etwas schwächer ausgeleuchtet ist das Phänomen der Umarmungsstrategie. Praktiziert wurde sie zum Beispiel von SED-Chef Erich Honecker, kurz vor dem Ende der DDR. Am 9. November 1988 titelte das Zentralorgan „Neues Deutschland“: „Bewegende Begegnung Erich Honeckers mit jüdischen Persönlichkeiten im Staatsrat“. Was war geschehen?

 Honecker spekulierte auf einen Besuch im Weißen Haus

Die DDR brauchte dringend Kredite und intensivere Handelsbeziehungen. Außerdem träumte Honecker von einer Einladung des US-Präsidenten ins Weiße Haus. Also kam er auf die Idee, dass ihm Amerikas Juden als Türöffner für einen Staatsbesuch dienen könnten.

Dem Vorsitzenden des Jüdischen Weltkongresses, Edgar Bronfman, wurde der „Große Stern der Völkerfreundschaft“ verliehen. Bei einer Gedenksitzung der Volkskammer am 8. November 1988 saßen auf den Ehrenplätzen mehr als hundert Juden aus dem In- und Ausland. Am nächsten Tag fand die Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der Synagoge in der Oranienburger Straße statt.

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Laut Bronfman habe Honecker tatsächlich geglaubt, die Juden hätten die Macht in den USA. Daher dessen plötzliche Charmeoffensive. Die jüdischen Gemeinschaften wiederum hätten sich nur deshalb auf die skurrile Offerte eingelassen, weil sie hofften, die Lage der wenigen in der DDR noch lebenden Juden verbessern zu können.

Trump braucht die Stimmen der Evangelikalen

 Eine aktuelle, gleichwohl kompliziertere Variante der Umarmungsstrategie betreibt US-Präsident Donald Trump. Mit Aplomb bedient er Interessen insbesondere nationalreligiöser Parteien in Israel  – Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran, Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem, Anerkennung der israelischen Souveränität über die Golanhöhen, grünes Licht für weiteren Siedlungsbau.

Damit will er, erstens, sich die Loyalität konservativer Evangelikaler im eigenen Land sichern und zweitens als „bester Freund Israels“ die enge Verbindung vieler amerikanischer Juden mit der Demokratischen Partei sprengen. Dass Außenminister Mike Pompeo seine Rede auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner aus Jerusalem hielt, passt in diesen Plan.

Dabei ist Trumps eigene Ideologie durchaus anschlussfähig an antisemitische Topoi. Er hat keinen Skrupel, Verschwörungsmythen zu verbreiten, die Machenschaften eines „tiefen Staates“ gegen ihn zu wittern, gegen „globalists“ zu wettern, amerikanischen Juden, die für Demokraten votieren, mangelnde Israel-Loyalität vorzuwerfen. „Alle Juden in Amerika, die Demokraten wählen, sind in meinen Augen entweder total ahnungslos oder zeigen große Illoyalität“, sagte Trump im August 2019

Honecker spekulierte auf die Macht der amerikanischen Juden, um Zugang zum Weißen Haus zu erhalten. Trump spekuliert auf die Macht konservativer israelischer Juden, um die Macht der amerikanischen Juden, die den Demokraten nahestehen, zu brechen. Was beide eint, ist die Fixierung. „Die Juden sind unser Unglück“, sagen die klassischen Antisemiten. „Die Juden sind unser Glück“ – das klingt zwar besser, ist es aber nicht immer.