Vordenkerin Mai Thi Nguyen-Kim: „Meine Mission ist, wissenschaftlichen Spirit wie eine Seuche zu verbreiten“ – Handelsblatt

Vordenkerin Mai Thi Nguyen-Kim: „Meine Mission ist, wissenschaftlichen Spirit wie eine Seuche zu verbreiten“ – Handelsblatt

Mai Thi Nguyen-Kim

Die promovierte Chemikerin arbeitet als Wissenschaftsjournalistin und ist seit kurzem Mitglied im Senat der Max-Planck-Gesellschaft.


(Foto:& Viet Nguyen-Kim)

Bonn Ihr Youtube-Kanal „maiLab“ hat inzwischen eine Million Abonnenten. Mit ihrem Beitrag zu Corona schaffte es Mai Thi Nguyen-Kim sogar in die „Tagesthemen“ und in die Talkshow von Markus Lanz. Beim Wissensmagazin „Quarks“ ist sie Moderatorin und mit „Komisch, alles chemisch“ schrieb sie einen „Spiegel“-Bestseller.

Die promovierte Chemikerin Nguyen-Kim arbeitet als Wissenschaftsjournalistin im Content-Netzwerk von ARD und ZDF Funk – und das mit Leidenschaft. Die 33-Jährige sagt: „Naturwissenschaften sind doch kein Freak-Wissen, mit dem sich weltfremde Genies im Labor oder zwischen Bücherregalen beschäftigen, sondern Lebenswissen.“ Dafür hat sie sogar einen lukrativen Job beim Chemiekonzern BASF als Laborleiterin ausgeschlagen.

„Ich habe jetzt schon mehr erreicht, als ich mir je vorgenommen hatte“, erzählt Nguyen-Kim. „Ich bin einfach nur unendlich dankbar, dass ich eine Stimme für die Wissenschaft sein kann und dass sie inzwischen auch so viel gehört wird.“

Gerade wurde Nguyen-Kim als Mitglied in die Vordenker-Community aufgenommen, eine Initiative des Handelsblatts und der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG). „Mit ihrem Beitrag zur Covid-19-Pandemie hat Mai Thi Nguyen-Kim auf ihrem Youtube-Channel „maiLab“ eine verständliche Erklärung geleistet und Vordenkertum bewiesen“, so das Urteil der Vordenker-Jury.

Im Interview spricht sie über ihre Arbeit als erfolgreiche Youtuberin, die Bedeutung von weiblichen Vorbildern in der Wissenschaft und darüber, was es mit ihr macht, wenn andere Medien sie als „die neue Rezo“ beschreiben und ihren Erfolg an einem männlichen Kollegen messen.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Frau Nguyen-Kim, Sie sind promovierte Chemikerin, arbeiten als Wissenschaftsjournalistin und sind seit Kurzem Mitglied im Senat der Max-Planck-Gesellschaft. Woher kommt Ihre Faszination für die Naturwissenschaften?
Die Antwort liegt eigentlich schon im Wort Natur-Wissenschaft. Naturwissenschaften sind doch kein Freak-Wissen, mit dem sich weltfremde Genies im Labor oder zwischen Bücherregalen beschäftigen, sondern Lebenswissen. Es ist die Lehre über die Natur, uns Menschen, die Welt … alles! Ich kann gar nicht nachvollziehen, wie man sich NICHT für Naturwissenschaften faszinieren kann.

Nach Ihrem Studium bekamen sie eine Laborleiterstelle beim Chemiekonzern BASF angeboten – und haben abgelehnt. Warum denn das?
Weil Wissenschaftskommunikation genauso wichtig ist wie die Wissenschaft selbst. Die Corona-Pandemie zeigt sehr deutlich, wie relevant es ist, dass komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge von der breiten Bevölkerung richtig verstanden werden. Und im weltweiten Umgang mit der Coronakrise wird erschreckend sichtbar, in welchen Ländern wissenschaftsfeindliche Regierungschefs sitzen und welche verheerenden Folgen das für die Menschen hat. Deswegen bin ich von der aktiven Forschung in die Wissenschaftskommunikation gewechselt.

Welche Erfolge konnten Sie im Laufe Ihrer Karriere schon verzeichnen?
Ich muss sagen, dass ich mich ziemlich überrollt fühle von meinem Erfolg der letzten Jahre. Ich habe jetzt schon mehr erreicht, als ich mir je vorgenommen hatte. Ich bin einfach nur unendlich dankbar, dass ich eine Stimme für die Wissenschaft sein kann und dass sie inzwischen auch so viel gehört wird.

Wie definieren Sie Erfolg? Ist es nur finanzieller Erfolg, oder gibt es auch andere Faktoren, die eine Rolle spielen?
Na ja, wer sich für „irgendwas mit Medien“ entscheidet, hat finanziellen Erfolg sicher nicht als höchste Priorität. Aber gerade wenn man sich viel mit Youtube oder anderen sozialen Plattformen beschäftigt, läuft man Gefahr, sich in den Analytics zu verlieren, in Abrufzahlen, Abonnenten und so weiter. Dabei ist das Beste das qualitative Feedback. Mich erreichen so viele Nachrichten und Kommentare von jungen Menschen, die mir sagen, sie hätten erst durch mich ihre Leidenschaft für Wissenschaft entdeckt oder ich hätte sie zu einem Chemiestudium oder einer Ausbildung inspiriert. Das macht mich unglaublich glücklich.

Ihr Youtube-Kanal maiLab hat inzwischen eine Million Abonnenten, Ihre Beiträge werden millionenfach aufgerufen – gibt es Charakterzüge, die für eine erfolgreiche Youtuberin unabdingbar sind?
Der Begriff Youtuberin ist so breit, dass mir wenig einfällt, was allgemeingültig wäre. Ich denke, maiLab ist so erfolgreich, weil wir uns viel Arbeit und Mühe machen, um Inhalte zu liefern, die man sich nicht so einfach ergoogeln kann. Das wissen unsere Zuschauer zu schätzen. Und bis wir ein Thema recherchiert haben, bin ich natürlich ziemlich tief in der Materie drin. Ich kann in meinen Videos sehr authentisch auftreten, und die Leute spüren, dass ich nicht einfach eine Moderatorin bin, die etwas abliest, sondern dass mir diese wissenschaftlichen Themen wirklich am Herzen liegen.

Sie wurden als „die neue Rezo“ bezeichnet – ärgert Sie das, wenn die Leistung einer erfolgreichen Frau an einem, in dem Fall, „jungen, weißen Mann“ gemessen wird?
Ich habe erst mal Rezo einen Screenshot von der Schlagzeile geschickt, und wir haben darüber gelacht. Für viele Journalisten der klassischen Medien sind alle Youtuber gleich, und das einzige Qualitätsmaß sind Klicks. Das ist das eigentlich Lächerliche an diesem Vergleich.

Ihre Abonnenten sind größtenteils weiblich – was glauben Sie, woran das liegt?
Nicht ganz, bei Youtube sind es rund 40 Prozent weibliche Abonnenten, bei Instagram 60 Prozent – das ist im Vergleich mit anderen Science-Formaten ein extrem hoher Anteil. Leider, muss man ja sagen, denn natürlich sind Wissenschaft und MINT etwas für alle Geschlechter. Ich denke schon, dass es hilft, dass ich als weibliches Gesicht und authentische Wissenschaftlerin vor der Kamera stehe. Representation matters.

Bitte ergänzen Sie den Satz: In Konfliktsituationen bin ich …?
stoisch.

Was waren Ihre wichtigsten drei (Arbeits-)Ergebnisse der letzten drei Jahre?
Das wichtigste „Ergebnis“ meines Lebens war der positive Schwangerschaftstest letztes Jahr! Ansonsten waren die größten beruflichen Meilensteine wahrscheinlich die Nachfolge von Ranga Yogeshwar bei Quarks, der Erfolg meines Buchs „Komisch, alles chemisch“ und eine Million Abonnenten bei maiLab.

In den nächsten drei Jahren: Was wollen Sie lernen, was Sie heute noch nicht können?
Spanisch und Reifenwechseln.

Was ist Ihr langfristiges Ziel beziehungsweise Vision?
Meine Mission ist und bleibt, wissenschaftlichen Spirit wie eine Seuche zu verbreiten.

Sie haben 2019 bereits einen „Spiegel“-Bestseller („Komisch, alles chemisch! Handys, Kaffee, Emotionen – wie man mit Chemie wirklich alles erklären kann“) geschrieben. Wenn Sie noch ein Buch schreiben müssten: Wovon würde es diesmal handeln?
Ich sitze in diesem Moment tatsächlich am Manuskript für ein zweites Buch, deswegen kann ich momentan nicht zu viel verraten, außer dass es sehr anders wird als „Komisch, alles chemisch!“

Wenn ich mich bei Ihren Freunden erkundigen würde: Für welche alternativen Karriereoptionen wären Sie geeignet?
Köchin!

Frau Nguyen-Kim, vielen Dank für das Interview.

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