Warum werden Blauwale so groß? – Spektrum.de

Warum werden Blauwale so groß? – Spektrum.de


Stoßen die Tiere auf Krill, ist die Beute aber kein leichter Fang. Ein Blauwal muss sich dafür schnell und mit einem Überraschungsmoment auf den Schwarm stürzen. Einige Wale wie der Buckelwal sind mit ihren langen Flossen in der Lage, den Krill auszumanövrieren. Aber Blauwale sind effiziente Langstreckenschwimmer und deshalb weniger manövrierfähig. Um möglichst viel Krill zu schnappen, setzte sich beim Blauwal ein bestimmtes Merkmal durch: Er hat ein riesengroßes Maul, das die Folge eines sehr großen Körpers ist. Es ist also wieder einmal die Körpergröße, die das Tier erfolgreich machte.

Seit die Furchenwale das Schluckfiltrieren entwickelt haben, sind dutzende Arten von ihnen entstanden und wieder ausgestorben

Doch eine ökologische Spezialisierung ist ein zweischneidiges Schwert. So bietet die Konzentration auf ein bestimmtes Beutetier zwar eine gewisse Nahrungssicherheit, sie macht die Tiere aber auch anfällig. Sobald sich ein Ökosystem wandelt, trifft es zuerst und am stärksten die Spezialisten. Denn je mehr sich ein Räuber auf eine Beute verlegt, desto schwieriger wird es für ihn, sich umzustellen. Doch paradoxerweise scheint ein Raubtier erfolgreicher auf die Jagd zu gehen, wenn es sich noch stärker spezialisiert. Auf diese Weise dreht sich die evolutionäre Selektion im Kreis.

Blauwale sind der Inbegriff dieser rätselhaften Spezialisierungsschleife. Um Krill zu fressen, haben sie sich auf Kosten der Manövrierfähigkeit zu Langstreckenschwimmern entwickelt. Dafür ist der Körper der Blauwale sehr gut geeignet. Müssten die Säuger aber um eine andere Beute in Konkurrenz zu den übrigen Furchenwalen treten, würden sie den Kürzeren ziehen. Die anderen schwimmen wendiger, können dadurch weitaus mehr verschiedene Beutetiere fangen und müssen dafür sogar weniger Energie aufbringen. Die Folge: Der Blauwal ist noch abhängiger von seiner Spezialisierung – und damit vom Krill.

Der Teufelskreis der Körpergröße

Hinzu kommt, dass die Körpergröße zwar die Ernährungsweise des Blauwals bedingt, aber sie erhöht auch dessen Energieverbrauch. Ein größerer Körper benötigt mehr Nahrung, die zudem nur an wenigen Orten in den Weltmeeren vorkommt. Doch um die langen Distanzen dorthin zurückzulegen, muss der Körper groß genug sein und ausreichend Energie speichern können. Aber ein großer Wal braucht zum Überleben wiederum mehr Krill … Die Strategie des Blauwals erweist sich demnach als extrem anfällig.

Der Blauwal ist gefangen in seiner eigenen Spezialisierung: Er muss groß genug sein, um ausreichend fressen zu können – damit er groß ist. Mittel und Zweck sind also ein und dasselbe. Die ökologische Nische ist zur Falle geworden. Der einzige Ausweg: größer werden. Und genau deshalb hat sich der Blauwal erst zur weitaus größten Walspezies entwickelt.

Wie es mit den Populationen der Blauwale weitergeht

Was heißt das für die Zukunft der Meeressäuger? Die heutigen Blauwale leben in einem von anderen Walen bevölkerten und sich erwärmenden Ozean. Nur ein kleiner Bruchteil der Blauwale hat die Zeit des kommerziellen Walfangs überlebt. Im Südpolarmeer blieben nur etwa 0,1 Prozent übrig. Insgesamt wurden weltweit 2,9 Millionen dieser Wale erlegt. In einigen Gebieten vermehrten sich danach mittelgroße Raubtiere und füllten die durch den Walfang hinterlassene ökologische Lücke. Dadurch haben sich die Populationen der größten Meeressäuger nur stockend erholt.

Im selben Zeitraum verringerte sich langfristig das Phytoplankton und der Krill. Verschiedene Gründe lassen sich für den Rückgang anführen: Zu einem Klimawandel und Überfischung – das heißt, es verändern sich genau jene Bedingungen, die ursprünglich dazu führten, dass der Blauwal seine Übergröße entwickelte. Zum anderen sind immer mehr Schiffe auf den Meeren unterwegs, die Lärm verursachen und auf die großen Walen treffen. Außerdem gelangen dauerhaft Schadstoffe in die Nahrungskette und reichern sich dort an; das Meer versauert und so weiter. Die Liste ist lang.

Einige Walarten können sich leichter an diese veränderten Bedingungen anpassen, zum Beispiel der Buckelwal oder der kleine Zwergwal (Minkwal). Aber was ist mit dem Blauwal, einem Spezialisten für kalte und nährstoffreiche Gewässer, dessen einzige Anpassungsmöglichkeit darin besteht, größer zu werden – und daher noch mehr Nahrung zu benötigen?

Der Blauwal ist in seiner eigenen Spezialisierung gefangen: Er muss groß genug sein, um genug fressen zu können – damit er groß ist

Der Blauwal steckt in einem doppelten Dilemma – zum einen seine besondere Spezialisierung, die von seiner Körpergröße abhängig ist; zum anderen schwinden die Beutemengen in den Ozeanen. Und der Blauwal kann der Situation nicht entkommen, er kann weder woanders hin noch kann er weiter wachsen.

Wie Jeremy Goldbogen und sein Team festgestellt haben, geht es bei all dem auch darum, Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Was passiert in einer Meereswelt, in der zunehmend die Alleskönner begünstigt sind, mit den Spezialisten wie dem Blauwal? Sie sind Zeugen dafür, wie sich das Leben auf der Erde entwickeln kann, wie groß das Potenzial ist. Wahrlich, wir leben in einer Zeit der Giganten! Sorgen wir dafür, dass es so bleibt.

Anmerkung: Der Autor dankt seinen Kollegen Lisa Ballance, Jay Barlow, John Calambokidis und der verstorbenen Gretchen Steiger.