Was Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit aus der Coronakrise lernen können – Tagesspiegel

Was Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit aus der Coronakrise lernen können – Tagesspiegel

Dieter Lenzen ist seit 2010 Präsident der Universität Hamburg und war zuvor Präsident der Freien Universität Berlin. Er ist Professor für Erziehungswissenschaft.

Für die Coronakrise gilt, was für jede Krise gilt: Sie ist Herausforderung und Chance zugleich. Zurzeit reden wir nur über die Herausforderung, die zu bewältigen ist und vielleicht auch darüber, wie alles wieder so wird wie zuvor.

Aber das wird nicht so sein, und das sollte es auch nicht. Die wissenschaftliche Forschung muss aus der Krise lernen. Denn es gibt etliche Menschen, die ihr Vertrauen in die Wissenschaft, die Virologie verlieren.

Wissenschaftliche Ergebnisse sind widersprüchlich – nicht für alle zu ertragen

Der Grund: Die Ergebnisse, von denen sie lesen und hören, sind widersprüchlich, jeden Tag lesen sie über neue Ergebnisse, von „Studien“: „Eine Studie der Universität … hat ergeben, dass …“

Ergebnis: Sie hören nicht mehr hin, sondern sie machen, was sie wollen, koste es, was es wolle. Oder sie hören auf sogenannte Verschwörungstheorien der Linken, der Rechten: Die Juden seien schuld, die Muslime, die Regierung sowieso, natürlich auch die Wissenschaft und eigentlich gebe es das Coronavirus gar nicht. 

Wissenschaftliche Forschung kann aber gar nicht anders, als unterschiedliche Ergebnisse produzieren. Sich auf etwas „zu einigen“ ist nicht der Weg, der zur Wahrheit führt.

Ein Beispiel aus dem Alltag

Wir kennen das aus dem Alltag: Ein Kind liegt im Bett und fühlt sich schlecht. Die Eltern rätseln, was die Ursache sein könnte. Dabei gehen sie genauso vor wie Forscher: Sie stellen eine Theorie auf (Unser Kind leidet an einem grippalen Infekt) und sei leiten eine Hypothese ab (Wenn unser Kind einen grippalen Infekt hat, müsste es erhöhte Temperatur, gerötete Mandeln und vielleicht einen Husten haben).

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Dann beginnen sie mit der „wissenschaftlichen Untersuchung“: Sie messen Fieber, schauen in den Rachen und lauschen, ob das Kind hustet. Wenn sie feststellen, dass das alles nicht der Fall ist, verwerfen sie diese Hypothese.

In der Wissenschaft heißt das: Sie haben die Hypothese (Unser Kind hat einen grippalen Infekt) falsifiziert. Die Hypothese war falsch. Dann stellen die Eltern eine neue Theorie auf (Unser Kind hat sich den Magen verdorben), leiten Hypothesen ab (Kind müsste erbrechen), untersuchen (Befragung: „Hast Du dich erbrochen?“) und falsifizieren entweder erneut, oder sie sind erfolgreich, das Kind hat erbrochen.

So funktioniert der Ausschluss von Theorien in der medizinischen Praxis

Die Theorie konnte nicht widerlegt werden. Es könnte ein Magen-Darm-Infekt sein. Das heißt aber nicht, dass diese Theorie richtig ist. Sie ist nur nicht falsch.

Die meisten Menschen können das nicht unterscheiden. Die Eltern werden, wenn sie verantwortungsvoll sind, weitere Theorien über den Grund für die Erkrankung ihres Kindes aufstellen, und auch diese werden sie versuchen zu falsifizieren.

Sie werden vielleicht andere Experten hinzuziehen, den Arzt, der eigene Falsifikationsversuche macht. Auf seiner Rechnung wird deshalb auch stehen: Ausschluss einer XY-Erkrankung.

Das bedeutet: Auch Mediziner im Alltag versuchen, zumindest bei anspruchsvolleren Fällen, Theorien (XY-Erkrankung) zu widerlegen, damit sie nicht eine Erkrankung behandeln, die der Patient gar nicht hat.

Der Autor: Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg. Foto: Promo/Bertold Fabricius

Genauso verhält es sich mit der wissenschaftlichen Forschung: In Wuhan sterben Menschen, die Theorien, dass es sich um eine bekannte Krankheit handele, werden zunächst zu widerlegen versucht, irgendwann stellt jemand die These auf, es könnte vielleicht ein neues Virus sein und der Forschungsapparat wird angeworfen.

Die verschiedenen Theorien zu Mund-Nasen-Masken

Das gilt auch für die Theorien, die Virologen, Infektiologen, Epidemiologen, das Robert-Koch-Institut oder der Gesundheitsminister öffentlich äußern. Beispiel: Eine Mund-Nasen-Maske nützt im Alltag niemandem (Januar 2020) beziehungsweise: Ein solcher Schutz verhindert die Verbreitung des Virus gegenüber anderen (März 2020), beziehungsweise: Die Maske nützt den anderen und den Trägern (Mai 2020). 

Das ist scheinbar widersprüchlich, aber kein Grund, sich von der Wissenschaft abzuwenden, sondern es kann gar nicht anders sein: Die These, ein Mundschutz nütze niemandem, wurde auf die Probe gestellt und widerlegt und eine neue entwickelt (die Maske nützt den anderen), bis auch diese widerlegt war, zu Gunsten der These, sie nütze beiden. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind immer vorläufig.

Politiker müssen entscheiden und Verantwortung übernehmen

Was können wir also aus der Coronakrise im Hinblick auf unseren Forschungsbetrieb lernen und künftig besser machen? Was können die lernen, die selbst nicht Wissenschaftler sind?

Die Politiker: Sie müssen entscheiden und Verantwortung übernehmen, und sie können sich nicht durch den Hinweis auf Empfehlungen von Wissenschaftlern rechtfertigen, die immer vorläufig sind. 

Sie können nur selbst die Konsequenzen aus den Thesen der Wissenschaft ziehen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt noch nicht widerlegt werden konnten. Das Risiko tragen sie, denn sie sind demokratisch gewählt.

Die Menschen da draußen: Sie müssen verstehen, dass unterschiedliche Befunde aus der Wissenschaft nicht in sich widersprüchlich sind und deshalb irrelevant wären, sondern dass sie immer auf die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse schauen müssen, die anderes überholt haben. Deshalb ist der Satz von Greta Thunberg auch falsch, man solle auf “die Wissenschaft” hören. Diese gibt es nicht: Es gibt immer nur Ergebnisse, die andere überholen.

Das gilt auch für die Klimaforschung, die in ihrer Geschichte sehr unterschiedliche Ergebnisse hervorgebracht hat von der Behauptung, überall auf der Erde werde es wärmer über die vorsichtigere Behauptung, es gebe einen Klimawandel, aber nicht eine gleichförmige Erwärmung, bis zur Prognose neuer Eiszeiten.

Nicht jede “Studie” ist erwähnenswert

Das gibt es in jeder Wissenschaft und manchmal ist das Ergebnis auch abhängig von Interessen. So hat man behauptet, dass menschliche Begabung angeboren sei oder im Gegenteil erworben werde. Interessanterweise hatte die Erwerbstheorie immer dann Konjunktur, wenn man mehr qualifizierte Arbeitskräfte brauchte, und die Bereitschaft dazu erzeugen wollte, mehr Geld für Bildung auszugeben, weil Begabung ja doch durch Schule beeinflusst werden könne.

Die Medien: Sie müssen lernen, dass sie sich bestimmte Sätze verbieten müssen. Zum Beispiel: „Es ist erwiesen, dass …“ oder „Eine Studie der Universität … hat gezeigt, dass …“. Und: Nicht jede Studie ist erwähnenswert.
Viele Studien haben, weil zu schnell oder mit zu wenig Geld erstellt, gravierende methodische Fehler.

Wer das nicht beurteilen kann, sollte keine Artikel über wissenschaftliche Ergebnisse schreiben, die selbst wieder zu Irritationen bei den Menschen oder den Politikern führen.

Medien haben so viel Verantwortung wie Politik

Medien haben mindestens so viel Verantwortung wie die Politik, weil sie Letztere stimulieren, übereilte Entscheidungen zu treffen, da doch schließlich „eine Studie gezeigt habe, dass …“. Medien haben einen Aufklärungsauftrag, nicht einen solchen, der Verwirrung durch immer neue, selbst nicht geprüfte Behauptungen stiftet.

Und schließlich die Wissenschaft selbst: Sie trägt Mitverantwortung für Fehlentscheidungen, wenn sie sich zu politischen Handlungsempfehlungen hinreißen lässt, und nicht klar zwischen Erkenntnis und Empfehlung unterscheidet (die Kitas sollten sofort / gar nicht geöffnet werden; Rückkehrer aus dem Ausland sollten / sollten nicht 14 Tage in Quarantäne verbleiben).

Der Charité-Chefvirologe Christian Drosten beherrscht die hohe Kunst der Wissenschaftskommunikation, schreibt Dieter Lenzen.Foto: Tobias Schwarz/AFP

Forschende, die in Krisenzeiten schneller als sonst vorläufige Ergebnisse veröffentlichen wollen, um Politik und Gesellschaft hilfreiche Hinweise zu geben, sollten sich des schmalen Grads bewusst sein, auf dem sie dabei wandeln.

Können wir aus einer vorläufigen Erkenntnis wirklich schon eine Empfehlung ableiten? Sollen wir unsere noch wackligen Hypothesen zurückhalten, damit nicht voreilige Schlüsse gezogen werden?

Unser Wissensstand ist immer vorläufig

Die Antwort liegt im Grunde auf der Hand: In der Wissenschaft gibt es nie letztgültige Erkenntnisse, der Wissensstand ist immer vorläufig. Das zu kommunizieren und das richtige Timing und Wording von dennoch ausgesprochenen Empfehlungen abzuwägen, die notfalls beim nächsten Erkenntnisschritt modifiziert werden muss – das ist die hohe Kunst der Wissenschaftskommunikation.

Der Virologe Christian Drosten beherrscht sie, und für aufgeklärte Menschen ist es immer ein Gewinn, ihn dabei zu begleiten. Und ein Graus, zu sehen, wie er absichtlich missverstanden wird.

Bei alledem muss sich Wissenschaft immer die Relevanzfrage ihrer Forschungsgegenstände stellen. Das Sozialverhalten von Bratwurstkäufern vor einer Frittenbude ist einfach kein sinnvoller Gegenstand – das gab es tatsächlich! Wir haben irgendwie andere Sorgen.