Wenn die Spesenabrechnung zur Wissenschaft wird – Die Ostschweiz

Wenn die Spesenabrechnung zur Wissenschaft wird – Die Ostschweiz

Immerhin: Eine gewisse Praxistauglichkeit kann man der HSG nicht absprechen. Jetzt bekommt sie nach der Spesenaffäre sogar Geld zurück.

René Zeyer
Publiziert am 23. September 2020

Das Jahr 2019 fing ganz blöd an für die HSG. Spesenbetrügereien, ein Rektor mit einer VR-Nebentätigkeit, für die ihn die FINMA abkanzelt, sogar eine Strafanzeige, die gegen einen Professor und Institutsdirektor eingereicht wurde.

Man könnte das natürlich positiv sehen; die HSG wollte ihren Studenten zeigen, wie nötig der Bereich Forensic ist. Die kriminalistische Nachforschung nach möglichen Regel- oder Gesetzesverstössen ist leider noch kein Studienfach an der HSG. Aber was nicht ist, kann doch noch werden. Anschauungsmaterial ist ja üppig vorhanden.

Und nach Krieg kommt Frieden, das ist doch auch schön. Denn die HSG teilt heute mit, dass das Strafverfahren gegen Prof. Peter Sester eingestellt wurde. Damit nimmt ein eher rumpeliger Abgang einer weiteren Wirtschaftskoryphäe immerhin ein einigermassen versöhnliches Ende.

Wie steht’s so richtig in seinem Lebenslauf: Von 2014 bis 2019 war Sester Professor für Internationales Wirtschaftsrecht und Law & Economics sowie Direktor des Instituts für Finanzwissenschaft, Finanzrecht und Law & Economics.

Da muss dann wirklich nicht erwähnt werden, dass der Rechtsexperte und Direktor des Instituts für Finanzrecht sozusagen in einem Selbstversuch herausfinden wollte, was passiert, wenn man, nun, sagen wir mal über die Stränge schlägt, oder vornehmer ausgedrückt: gegen das Spesenreglement verstösst.

Das Ergebnis der Versuchsanordnung liegt nun vollständig vor. Wenn man das tut, wird man zuerst fristlos freigestellt. Dann wird einem die Gelegenheit gegeben, selbst zu kündigen. Damit man als zerstreuter Professor nicht ins Hetzen und Jufeln kommt, gibt’s dabei eine neunmonatige Kündigungsfrist.

Das ist dann auch genug Zeit, um die interne Disziplinaruntersuchung zu beenden. Denn ohne Anstellungsverhältnis würde ihre Fortsetzung ja auch keinen grossen Sinn machen, das sieht auch der Laie ohne HSG-Master sofort ein.

Bleibt noch, das ist natürlich etwas eklig, die Strafanzeige. Sollte die gar zu einer Anklage und, Himmels willen, Verurteilung führen, könnte man für den Professor nur hoffen, dass soziale Wiedereingliederung auch in akademischen Kreisen grossgeschrieben wird.

Aber das wäre natürlich schon ein dummer Tolggen im Reinheft, wie man in der Schweiz so schön sagt. Noch im Mai dieses Jahres war die Staatsanwaltschaft gewillt, das Verfahren einzustellen. Das sah die Uni St. Gallen aber anders, sie wollte eigentlich eine Weiterführung beantragen.

Damit wurde der Professor dann offensichtlich weichgeklopft. Er griff tiefer ins Portemonnaie und leistete eine Zahlung von 80’000 Franken. Für diesen Batzen verzichtet die HSG auf eine Fortsetzung des Strafverfahrens, es ist inzwischen rechtskräftig eingestellt.

Das freut den Steuerzahler natürlich. Allerdings bleibt doch die Frage, wie es um die Compliance einer Wirtschafts-Uni bestellt ist, wenn solche Summen bezahlt werden müssen, um strafrechtliche Untersuchungen zu beenden.

Dumm auch, dass diese Affäre weiterhin mehr Schlagzeilen macht als der «Erste Elite Quality Index», ein «neuartiges Wirtschaftsranking», auf das die HSG natürlich sehr stolz ist. Zumal die Schweiz da auf Platz zwei steht. Der wirtschaftliche Erfolg werde hier «nicht am Wirtschaftswachstum, sondern an der Art, wie Wohlstand in einer Gesellschaft entsteht oder vergeht, gemessen».

Da kann der Fall von Prof. Seger nur als warnendes Beispiel dienen. Er selbst kann das nun als «freier Berater» und «Weiterbildungsdozent» weitergeben, die HSG hofft auf die Gnade des Vergessens.

Autor/in

René Zeyer

René Zeyer (1955)  ist Publizist, Bestsellerautor («Bank, Banker, Bankrott») und Kommunikationsberater. Er lebt in Zürich und Havanna.

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