Wie kann Palmöl umweltfreundlicher werden? – Spektrum.de

Wie kann Palmöl umweltfreundlicher werden? – Spektrum.de

SMARTRIs Bemühungen um Biodiversität in den Palmenplantagen begannen 2011. Damals fragte William Foster, Ökologe in Cambridge und Doktorvater von Turner, Jean-Pierre Caliman, ob er an einer ökologischen Langzeitstudie mitwirken wolle. Caliman gefiel der Vorschlag und so entstand BEFTA. Turner kam auf einige seiner Ideen für BEFTA, als er in Sabah in Malaysia forschte. »Wer sich dort auf Plantagen umsieht, erkennt schnell, dass Plantagen mit viel Unterwuchs auch einen hohen Grad an Biodiversität aufweisen. Wir würden gerne herausfinden, welche Auswirkungen das auf den Anbau und den Ertrag hat«, sagt er.

Sinar Mas stellt der BEFTA Gelder zur Verfügung, über die genaue Summe wollten Turner und Caliman keine Auskunft geben. Turner erhielt außerdem 18 Forschungsparzellen in der Größe von je 150 mal 150 Metern. Auf sechs von ihnen setzten die Forscher Herbizide ein, was viele Plantagenbesitzer tun, um den gesamten Unterwuchs ebenso wie die Farne, die auf den Palmen wachsen, zu entfernen. Bei sechs anderen verfuhren sie nach der Standardpraxis von Sinar Mas, das heißt, sie sprühten Herbizide nur auf Wegen und im Umkreis jedes Baums, um den Zugang zu den Bäumen sicherzustellen; der größte Teil des Unterholzes blieb dabei unbehandelt. Auf den letzten sechs Parzellen – einschließlich der, auf der Agung seinen Raubwanzen fand – setzten sie überhaupt keine Herbizide ein; die Arbeiter entfernten die Pflanzen um die Baumstämme und auf den Wegen per Hand.

Eine Strategie für die Zukunft?

In einer Dezember 2018 veröffentlichten Studie berichten die Forscher, dass der Verzicht auf Herbizide die Qualität des Bodens verbesserte und dessen Makrofauna vervielfachte. Zur Makrofauna gehören beispielsweise Ohrwürmer (Dermaptera) und Doppelfüßer (Diplopoda), die Laubstreu zersetzen und so Nährstoffe für andere Arten zugänglich machen. In einer anderen Untersuchung heißt es, auf der Plantage würden 69 Libellenarten leben, darunter fünf, die bis dahin auf Sumatra noch nie gesichtet wurden. Der Boden in den herbizidfreien Parzellen wiese einen ebenso hohen Nährstoffgehalt auf wie der in den chemisch behandelten Bereichen. Die Sorge, das Unterholz würde mit den Ölpalmen um Nährstoffe konkurriert, scheint also unbegründet. Laut Jean-Pierre Caliman deuten auch bislang unveröffentlichten Daten darauf hin, dass selbst die umweltfreundlichste Behandlung einen vernachlässigbaren Einfluss auf die Erträge hat. Caliman und Turner sind deshalb optimistisch, dass sie das Management von Sinar Mas davon überzeugen können, ihre Strategie entsprechend anzupassen.

Agus Eko Prasetyo, Experte für Pflanzenschutz am Indonesian Oil Palm Research Institute in Medan, beeindrucken die Ergebnisse weit weniger. Er erklärt, Wissenschaftler wüssten bereits seit den 1980er Jahren, dass die meisten Farne und Sträucher die Palmölerträge nicht mindern. Bestimmte Arten müssten jedoch kontrolliert werden, vor allem Holzgewächse, deren Wurzeln mehr Wasser und Nährstoffe aufnehmen. Wenn dies manuell statt mit Herbiziden geschehe, treibe es die Kosten in die Höhe. Er wette, Sinar Mas werde das umweltfreundliche Vorgehen nicht übernehmen, sagt Prasetyo.

Blinde Flecke

Andere sagen, dass Ökologen bei der Zusammenarbeit mit großen Unternehmen womöglich schlimmere Übeltäter übersehen: Rund 40 Prozent der indonesischen Ölpalmenplantagen sind in den Händen von Kleinbauern, die unter Umständen weniger gut über Biodiversität und nachhaltigen Anbau Bescheid wissen. Wenn sich Forscher auf große Unternehmen konzentrieren, um ihnen dabei zu helfen, die Natur etwas zu schädigen, wer wird dann die unökologischen Anbaumethoden untersuchen, fragt Maria Brockhaus. Die indonesische Regierung, nicht die Industrie sollte die Forschung an Ölpalmen finanzieren, sagt die Expertin: »Das Land hat die Verantwortung, unabhängige und kritische Forschung sicherzustellen, die dem Interesse eines Großteils der Bevölkerung dient und nicht bloß Partikularinteressen.« Die Regierung könnte sich auch den sozialen und wirtschaftlichen Aspekten des Palmölanbaus widmen, sagt Hariadi Kartodihardjo von der Bogor Agricultural University. Bisher kämen die Einnahmen in erster Linie der herrschenden Elite und einigen wenigen Großindustriellen zugute. Millionen von Plantagenarbeitern würden unterdessen oft zu Niedriglöhnen schuften, an abgelegenen Orten, mit wenig Zugang zu Bildung. »Das ist ein Problem, das gelöst werden muss.«

Aber die staatlichen Mittel für Forschung sind knapp. Viele indonesische Wissenschaftler können von einem Budget wie dem von SMARTRI nur träumen. Der Indonesian Oil Palm Estate Fund, eine Regierungsbehörde, die Steuern auf Palmölexporte erhebt, finanziert ebenfalls Forschungsprojekte. Der größte Teil davon fällt jedoch auf den Bereich der Agrarwissenschaften und auf die Verarbeitungsprozesse nach der Ernte. Projekte zu Biodiversität oder sozialen und wirtschaftlichen Themen werden weniger gefördert.

»Wir können den Unternehmen nicht blind vertrauen. Sie werden wann immer möglich nach Schlupflöchern suchen, um das System zu ihrem Vorteil zu nutzen«
(David Gaveau, Center for International Forestry Research)

Turner hat keine Skrupel wegen seiner Zusammenarbeit mit Sinar Mas: »Für groß angelegte, experimentelle Studien braucht man eine Menge Ressourcen«, sagt er. Auch Matthew Struebig sieht die Gesamtbilanz positiv. Die Zusammenarbeit mit Unternehmen verschaffe Forschern Zugang zu den Plantagen, zu Daten und trage dazu bei, Vertrauen zwischen Wissenschaft und Industrie aufzubauen. »In meinen Augen wird die Zusammenarbeit mit der Industrie zu mehr Fortschritten im Punkt Nachhaltigkeit führen, als wenn wir ohne sie arbeiten würden.«

Nach einer langen Fahrt durch die Plantage steigt Agung aus seinem Land Cruiser und läuft auf einen schmalen Fluss zu. Die Gegend sieht hier ganz anders aus: Palmen sind nicht in Sicht, nur junge Regenwaldbäume und wilde Sträucher. Sie gehörten zu einer Langzeitstudie, welche das Cambridge-Team 2018 begann. Auf Grund eines im Jahr 2015 gefassten Regierungsbeschlusses dürfen Unternehmen auf ihren Plantagen innerhalb von 50 Meter breiten Bändern entlang von Flüssen keine neuen Ölpalmen anpflanzen. Die Idee dahinter ist, diese Zonen allmählich der Natur zurückzugeben. Die Frage, wie das am besten gelingen kann, ist noch offen. Das Team testet deshalb vier Strategien. Auf einer Parzelle wurden alle Palmen gerodet und durch sechs einheimische Arten ersetzt. Einige von ihnen gedeihen nicht besonders gut. Ein junger roter Meranti (Shorea leprosula) ist praktisch tot.

Als er sich einer anderen Parzelle nähert, hellt sich Agungs Gesicht auf. Die Forscher hatten dort die Ölpalmen stehen lassen und dazwischen einheimische Bäume gepflanzt. Hier wächst und gedeiht ein Meranti. Vielleicht müssen die Bäume zu Anfang von den alternden Palmen beschattet werden, mutmaßt Agung. Ein anderer typischer Vertreter des einheimischen Waldes, Peronema canescens, den das Team im vergangenen Jahr gepflanzt hatte, ist bereits größer als Agung. Dieser stellt sich daneben und macht ein Selfie. Dabei ignoriert er eine Weberameise, die seinen Hals entlang krabbelte. »Ich kann es kaum erwarten, das Gebiet in ein paar Jahren zu sehen. Es wird wie ein Wald aussehen.«

Dyna Rochmyaningsih via The Story Market; erstmals erschienen in »Science«.